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Generation L

15.02.2017 304 Reax
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Wenn Freunde zu Geistern werden

Buchautorin Linda Solanki.

Nach Sean Penn bin nun auch ich ein Opfer von Ghosting geworden. Für alle, die nicht mit dem Begriff vertraut sind: Ghosting bezeichnet in einer Partnerschaft einen plötzlichen Kontaktabbruch. Mein „Geist“ ist jedoch kein Mann, ich bin nach wie vor glücklich vergeben, sondern, wie der Titel schon andeutet, jemand aus meinem ehemaligen Freundeskreis.

Besagte Freundin kenne ich nun schon seit zehn Jahren. Früher unternahmen wir mindestens einmal die Woche etwas zusammen, später etwas weniger, aber ich zählte sie nach wie vor zu meinen engsten Vertrauten. Auch wenn unsere Leben in unterschiedliche Richtungen verliefen, gaben wir uns Mühe, den Kontakt zu halten. Ich wusste, dass sie immer für mich da sein würde. Und ich hätte für sie ebenfalls alles liegen gelassen, hätte sie mich gebraucht.

Wir durchlebten wilde Zeiten zusammen, schliefen, als wir hinter dem Rücken unserer Eltern Clubs besuchten, auf irgendwelchen Sofas oder bei irgendwem auf dem Boden, trösteten einander über Trennungen hinweg, flogen gemeinsam in den Urlaub, kochten zusammen, tauschten Kleider. Als ich Verwandte in meiner engen Bleibe beherbergte, überliess sie mir ihre Wohnung.

Dann ging ich nach New York, wir hörten uns weniger, wie ich all meine Freunde weniger hörte, normal. Sie kam mich besuchen. Drei Wochen lang teilte ich mein Bett und die Stadt mit ihr. Es war eine schöne Zeit.

Danach Paris. Kein Besuch diesmal, aber ein Kaffee, als ich zwischendurch in Zürich war. Nach meiner endgültigen Rückkehr in die Schweiz schrieb ich ihr als eine der Ersten. Sie antwortete, sie sei beschäftigt, ein andermal gerne. Ich versuchte es ein andermal wieder. Erneut gab sie sich beschäftigt, versprach aber, sich zu melden. Ich hörte nie wieder etwas.

Meine letzte Nachricht, wie schade ich es fände, dass wir es selbst ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr immer noch nicht geschafft haben, uns zu sehen, während ich mich inzwischen mit halb Zürich inklusive der Nachbarin der Grosstante meines Zahnarztes – also wirklich mit allem, was da draussen so rumsaust – getroffen habe, wurde gelesen und dann ignoriert.

Ich weiss, dass es nicht am Zeitmangel liegt, dass wir uns nicht sehen, da sie ständig Dinge mit unseren gemeinsamen Freunden unternimmt. Ich weiss auch, dass man sich manchmal einfach auseinanderlebt. Ich weiss aber nicht, warum man dann nicht ganz ehrlich sagen kann, dass man keinen Kontakt mehr möchte, sondern lieber zu einem Geist wird.

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