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Generation L

29.06.2016 98 Reax
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Die Reise zelebrieren

Buchautorin Linda Solanki.

Die Reise ist ja bekanntlich das Ziel. Diese Bauernweisheit gilt es zu überdenken, wenn die wenigen Zentimeter Beinraum vom Weekender des Sitznachbars blockiert werden und in der Nähe ein furzendes Baby sein Unwesen treibt. Aber das Ziel wurde ohnehin schon definiert, nicht als Reise sondern als New York, oder Niuu Jorkk wie der englischphobische Pilot ins Mikro krächzt.

Nichtsdestotrotz darf, ja muss man solch eine Reise zelebrieren, zumindest wenn es nach dem heiteren Flugbegleiter geht, der sich scheinbar kein bisschen um die finanziellen Nöte seines Arbeitgebers sorgt. Krisen existieren schliesslich nur am Boden. In der Luft gelten andere Gesetze. Auch in Verbindung mit Alkohol, der dem Steward nur so ab dem Wägelchen zu fliessen scheint.

„Champagn’o’clock!“, freut er sich und zwinkert, „es gibt keinen besseren Weg, einen Flug zu starten“, auch dann noch, wenn sich die Maschine langsam wieder Richtung Erde neigt. Erst einmal muss die Runde jedoch eingestimmt werden.

Kein Problem für einen Mann mit seiner Erfahrung. Mit wenigen bestechenden Worten schafft er, wozu vor ihm weder die Quartierbeiz im tropischen Tiki-Stil noch die Sonderangebote bei Denner fähig waren und verführt selbst die Rosenkranztrulla zu ein paar sündigen Schlückchen. Keine Sorge, man befinde sich hoch über den Wolken; so weit rauf schaue der Herrgott für gewöhnlich nicht. Zwinker, zwinker.

Grundsätzlich trinken die Passagiere sich mit Sekt Flugangst und Langeweile weg, aber Champagner klingt einfach mehr First Class und sooo weit weg (zwölf Reihen) befindet man sich ja nicht davon. Ausserdem tötet der Sprudel nach dem dritten Glas selbst die feinsten Geschmacksnerven. Danach geht auch Whiskey und ein Film mit Eddie Murphy, das Zweite allerdings nur in Kombination mit dem Ersten.

Nach dem zwölften Snack Pack Salzbrezel, das der Steward seinen Schäfchen um die Ohren wirft – besoffen frisst es sich ungehemmter, da rutscht das eiskalte weil aufgetaute Pappbrötchen gleich hinter den Brezeln her –, verkündet er betrübt, man möge sich bitte anschnallen, der Pilot setze gleich zur Landung an. Im Flugzeug herrscht auf einmal eine Stimmung wie nach dem Schweiz-Polen-Match: pure Enttäuschung. Wen interessieren schon Hochhäuser und Grossstadtfeeling, wenn es ein Leben voller Möchtegernchampagner und Knabbergebäck gibt. Manchmal ist eben doch die Reise das Ziel.

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