Finde den folgenden Gegenstand beim Surfen auf Blickamabend.ch und gewinne tolle Preise!
Suche starten
Du hast den Gegenstand gefunden! Klicke auf Mitmachen und nehme am Gewinnspiel teil.
Mitmachen

Generation L

26.08.2016 265 Reax
teilen
teilen
6 shares

Die Verrückte in meiner Wohnung

Buchautorin Linda Solanki.

Weil ich wegen eines Road-Trips die Hälfte des Augusts ausser Haus sein werde, beschloss ich, meine Pariser Wohnung so lange unter zu vermieten. Zufälligerweise schrieb mir eine entfernte Bekannte, dass ihre Freundin während dieses Zeitraums eine Bleibe suche. Es hätte zwar noch andere Optionen gegeben, aber Bekannten von Bekannten vertraut man sein Hab und Gut natürlich lieber an als Wildfremden. Warum eigentlich? Auch Psychopathen kennen Leute, von dem her hat man genauso wenig eine Garantie auf Zuverlässigkeit. Beispiel A:

Kurz vor der Schlüsselübergabe ruft dieses Mädel an. Sie klingt verzweifelt. Der Sprachkurs, den sie gebucht hat, entspreche nicht ihrem Level. Jetzt müsse sie morgen in einen anderen Kurs derselben Organisation, der angeblich ihrem Niveau gerecht werde. Okay, und wo ist das Problem? Sie wisse halt nicht, ob dieser Kurs auch tatsächlich zu ihr passe und würde das Apartment daher gerne vorerst für eine Nacht buchen, um dann morgen Abend, nach dem Unterricht, zu entscheiden, ob sie bleiben wolle.

Ja super, und den Schlüssel kriege ich dann, da ich ja bereits morgen früh losfahre, per Post zugeschickt, will ich gerade ironisch fragen, da schlägt sie ebendies vor. Ich verlange eine Entscheidung: Entweder nimmt sie die Wohnung für zwei Wochen oder lässt es ganz bleiben. Sie bittet um Bedenkzeit, steht zwei Stunden später aber mit Koffer vor der Türe.

Ich zeige ihr kurz alles und verabschiede mich dann, weil unten schon mein Freund mit dem Auto wartet. Keine zehn Sekunden nachdem wir losgefahren sind, klingelt mein Handy. Vor lauter Schluchzen verstehe ich kaum, was sie sagt. Irgendwas über ihren blöden Kurs und eine Panikattacke und ob sie den Schlüssel bei Bedarf morgen nicht einfach einem Mitschüler übergeben könne. Den ja weder sie noch ich kennt. Spitzenplan.

Nach fünf Minuten guten Zuredens meinerseits und nimmer endenden wirren Satzfragmenten ihrerseits, schlage ich vor, dass wir unseren Deal stornieren, sie mir die Schlüssel zurückgibt, da sie ja scheinbar todunglücklich mit der Situation ist. Sie willigt ein. Mein Freund bietet an, diesmal die Schlüsselübergabe zu übernehmen. Nach zehn Minuten ruft er mich an, sie habe sich in der Wohnung verschanzt. Nach weiteren zehn Minuten kommt er angerannt und fährt sofort los.

Das ist passiert: Sobald sie ihm den Schlüssel ausgehändigt hatte, habe sie ihn angefleht, doch im Apartment bleiben zu können. Er jedoch habe ihr das Geld gegeben, minus einer Stornierungsgebühr. Da begann sie auf offener Strasse zu schreien, er würde sie belästigen. Was macht Mann in so einer Situation? Genau, rennen.

Am nächsten Morgen, als wir gerade losfahren wollen, erhalte ich einen Anruf von meiner Vermieterin. Sie habe eine verstörende Nachricht von dieser Irren erhalten, die behaupte, ich hätte sie beklaut, sitze bereits bei der Polizei mit mehreren Zeugen und verlange nach einer Kopie meines Passes.

Sagenhaft, was die sich zusammenspinnt! Auf ihre Zeugen wäre ich zwar gespannt und auch, wie sie der Polizei die Geschehnisse als Diebstahl verkaufen möchte. Andererseits habe ich Mitleid. Dass sie nicht ganz hundert ist, habe ich ja schon rausgespürt. Aber wer so etwas nötig hat, muss echt ein schreckliches Leben führen. Darum rufe ich sie an. Überglücklich nimmt sie ab. Sie sei gar nicht bei der Polizei, sie habe nur noch einmal mit mir verhandeln wollen. Sie möchte nun nämlich doch ins Apartment.

Das Ende dieser nervenaufreibenden Geschichte: Ich gebe ihr die Stornierungsgebühr zurück – sie kann das Geld bestimmt besser gebrauchen als ich. Für Therapiestunden zum Beispiel.

teilen
teilen
6 shares
Wie findest du den Artikel?

Unsere Leser empfehlen

Meist gelesen

Bilder des Tages