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Generation L

25.05.2016 318 Reax
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Ein Leben im goldenen Käfig

Buchautorin Linda Solanki.

Bei mir um die Ecke wohnt entweder ein französischer Promi oder ein hohes Tier in der Politik. Jedes Mal, wenn dieser Typ oder seine Frau nämlich das Haus verlässt, wird die Strasse abgesperrt. Mit Gewehren bewaffnete Polizisten sorgen dafür, dass niemand zu nahekommt. Sobald der Kerl im Auto sitzt – natürlich mit verspiegelten Fensterscheiben – hopsen einige der Bullen in ein zweites Gefährt, das dem ersten dicht auf den Fersen bleibt.

Das Ganze dauert meistens etwa zwei Minuten. Danach wird man von den verbliebenen Polizisten aufgefordert, weiterzugehen, zu joggen, zu fahren. Die Welt dreht sich wieder

Klar könnte ich auch eine andere Route wählen, nur liegt die pompöse Residenz auf dem direktesten Weg zwischen dem Gym und meiner Wohnung. Und ich denke nicht daran, einen Schlenker einzulegen. Obwohl die Security Guards vermutlich froh drüber wären, so grimmig wie sie mich jedes Mal beäugen, wenn ich nett grüssend vorbeischlendere.

Um wen es sich bei den beschützten Personen handelt, habe ich bisher nicht herausfinden können. Spielt für mich auch keine Rolle. Ich hoffe beim Einbiegen in die Strasse jeweils bloss, dass die Herrschaften nicht gerade auf dem Sprung sind und ich ungehindert passieren kann. Denn nur schon diese kleine Einschränkung nervt mich. Wie muss es denn erst für den Kerl und seine Familie sein?

Ich möchte nie Berühmtheit erlangen und kann Menschen nicht verstehen, die danach streben (wie zum Beispiel Reality TV Protagonisten, aber wer versteht die schon?). Wie nervig wäre es, nicht einmal mehr mit Freunden auf einen Drink gehen zu können, ohne dass man von Fans angequatscht wird? Sich mit Baseballmütze und Schlabberklamotten tarnen zu müssen, wenn man mal eben schnell zum Supermarkt muss, damit später nicht die ganze Welt weiss, dass man eine Jumbopackung Klopapier gekauft hat?

Wobei im Falle meiner Nachbarn nicht einmal mehr das drin liegen dürfte. Mit bewaffneten Leibwächtern beim Obsthändler vorbeischauen? Wohl eher nicht. Ich frage mich, was das für ein Leben sein muss, in dem kein Platz für Spontanität bleibt? Spaziergänge im Park sind ebenso unmöglich wie der Gang ins Kino, der Besuch einer Ausstellung und überhaupt all die kleinen Dinge, die ein freier Mensch ohne zu überlegen tut.

Vielleicht wähle ich die Strecke nicht nur aus Bequemlichkeitsgründen, sondern weil die Begegnung in Erinnerung ruft, wie privilegiert ich mit meinem simplen Leben bin. Danach fühlt es sich nämlich noch schöner an, auf offener Strasse zu laufen.

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