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Generation L

19.04.2016 432 Reax
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Experiment offene Beziehung: fehlgeschlagen.

Buchautorin Linda Solanki.

Ich mache grundsätzlich nicht gerne halbe Sachen und schon gar nicht in Liebesangelegenheiten. Mingles, Unentschlossene, die Ich-Will- Keine-Beziehung-Kann-Aber-Auch-Nicht-Ohne-Dich-Sein-Fraktion – für sie alle hatte ich bisher nur ein müdes Lächeln übrig. Meiner Meinung nach verliebte man sich entweder stark genug, um nur noch diese eine Person oder keine zu wollen, oder eben nicht, und dann ging man nach ein paar Verabredungen wieder getrennte Wege.

Nun aber erreichte auch mich der Wunsch, in einer nicht verpflichtenden Beziehung zu sein. Also die Nähe zu jemanden zu erfahren, wie sie nur existiert, wenn Liebe im Spiel ist, aber gleichzeitig alle Freiheiten der Welt zu geniessen. Die Vorgeschichte dazu lässt sich schnell zusammenfassen:

Keine drei Wochen nach meiner Ankunft in Paris traf ich ihn an einem Freitagabend in einer Bar. Von Anfang an war da etwas zwischen uns, das über Anziehung hinausgeht. Seine Freunde hauten bald ab und auch meine zogen weiter, aber wir blieben zusammen, den ganzen Abend und das ganze Wochenende. Erst am Sonntagabend betrat ich meine Wohnung wieder. Ab da waren wir ein Paar. Wie gesagt, keine halben Sachen.

Er gab mir alles, was ich wollte. Wir lachten uns kringelig ab Witzen, die alle ausser uns doof fanden, entdeckten gemeinsam neue Orte in der Stadt, oder verreisten spontan übers Wochenende. Er zeigte mir sein Paris, folgte mir in meines. Oft quatschten wir die Nächte durch, schliefen bei Sonnenaufgang Arm in Arm ein.

Bald überlebten wir den ersten Streit, die erste Versöhnung. Seine Freunde wurden zu meinen und der Rücksitz seines Rollers zu meinem liebsten Platz auf Erden. Wenn ich ihn nicht sehen wollte, verstand er das, und wenn ich ausschliesslich mit männlichen Freunden um die Häuser zog, wünschte er uns einen schönen Abend. Er war in jeder Hinsicht aufregender, verständnisvoller, unkomplizierter und lustiger als jeder andere Mann, den ich je kennengelernt habe.

Und doch: Irgendwann erreichte mich der Drang nach Freiheit, ohne dass ich mir erklären konnte, wo dieser Drang herführte. Ich wollte ihn auf keinen Fall verlieren, denn ich liebte ihn und wusste, so einen wie ihn finde ich nicht so schnell wieder. Gleichzeitig engte mich der Gedanke ein, an jemanden und somit an einen Ort gebunden zu sein. Wenn ich morgen aufwachte und nach Kuala Lumpur ziehen wollte, konnte ich das nicht mehr, weil es jetzt eben nicht nur mehr um mich alleine ging.

Schweren Herzens tat ich das, wofür ich meine Generation so verachte, und erklärte ihm, dass ich ihn gerne weiterhin daten würde, aber auf keinen Fall fest zusammen sein will. Und er? Akzeptierte, weil ihm keine andere Wahl blieb.

Wir trafen uns weiterhin etwa zweimal pro Woche und taten dabei dasselbe wie immer mit denselben Gefühlen wie immer. Daneben verabredete ich mich mit anderen, alles ganz harmlos, nur, weil ich hoffte, dass mir dadurch klarwerden würde, was ich eigentlich wollte. Ging es mir nun besser mit meiner neugewonnenen Freiheit?

Absolut nicht. Bei meinen Rendezvous’ langweilte ich mich, und überdies verletzte mich der Gedanke, dass er sich gerade ebenfalls mit jemand anderem treffen könnte. Ich merkte, dass er sich mir gegenüber anders verhielt, verhaltener, wohl aus der Angst, etwas Falsches zu sagen und mich vollends zu verlieren. Ich vermisste das alte Er, das alte Wir, wollte sowieso keinen anderen als ihn. Ihm ging es genau gleich und nach etwas mehr als zwei Wochen brachen wir das Experiment offene Beziehung wieder ab. Seither bin ich glücklicher denn je. Weil ich erkannt habe, dass diese Beziehung mir nichts von meiner Freiheit nimmt. Und weil mir ohne ihn etwas fehlt. Ganz oder gar nicht, keine halben Sachen.

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