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Generation L

16.03.2017 75 Reax
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Junkies im Treppenhaus

Buchautorin Linda Solanki.

London ist grossartig, keine Frage. Wo sonst könnte ich auf einer Verkehrsinsel zuden Klängen angesagter DJs tanzen, mir die Maniküre von den Kreationen des hauseigenen Barkeepers versüssen lassen, auf einer Minigolfanlage spielen, die vom Ambiente her ebenso gut ein Nachtclub sein könnte und über Mittag schnell in den mit Plastikbällchen gefüllten Pool um die Ecke springen? Und wo sonst finde ich um vier Uhr morgens dampfend heisses Shakshuka, serviert mit Rosmarinfocaccia und einer Aussicht aus dem 51. Stock?

London bietet aber nicht nur viel, es verlangt auch viel – an Miete zum Beispiel. Für ein Zimmer in einem eng bemessenen Apartment ohne Wohnzimmer in Shoreditch berappt mein Freund monatlich umgerechnet 1'600 Franken. Dafür kriegt er kaltes Wasser und Schimmel an den Wänden. Die Gegend, in der er wohnt, ist trotz Hype ein Ghetto geblieben. Nach dem Wochenende watet man jeweils durch ein Meer aus hunderten leeren Lachgasfläschchen. Das Gas scheint die neuste Partydroge zu sein.

Nicht neu, aber wesentlich unangenehmer finde ich Heroin, beziehungsweise die Spuren dessen Gebrauchs. Immer mal wieder entdecke ich liegengelassene Spritzen, Gürtel oder Blutspuren im Treppenhaus. Das ist mir jedoch lieber, als die Fixer in Aktion zu erleben, was leider viel zu oft vorkommt, da sie unser Treppenhaus als idealen Ort ansehen, um sich einen Schuss zu verpassen. Das hat zur Folge, dass sie uns manchmal aus dem Schlaf klingeln, um sich Zugang zum Haus zu beschaffen. Alles in allem kann mein Freund sich jedoch glücklich schätzen. Viele seiner Freunde wohnen entweder so weit ausserhalb, dass sie länger in die Stadt brauchen, als mein Flugzeug von Zürich nach London, oder zählen Ratten, Kakerlaken, Mäuse und Bettwanzen zu ihren Mitbewohnern. Oder beides. Darum ist die Reaktion auf seine Wohnsituation meist in etwa so: «Fehlendes Warmwasser und Junkies vor der Türe für läppische 1'600 Fränkli? Was für ein Spitzendeal!» Zürich könnte sich meiner Meinung nach viele Scheiben von der Weltstadt London abschneiden. Bitte nur nicht, was die Wohnsituation angeht.

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