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Generation L

19.04.2016 132 Reax
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Manchmal ist jeder einsam

Buchautorin Linda Solanki.

Seit dem Tod meines Opas liest meine Grossmutter viel. Die Bücher, so erzählte sie, seien wie Gespräche für sie. Sie denkt über das Gelesene nach, und überlegt sich, was sie dazu sagen würde. Einerseits finde ich es schön, dass Bücher mehr für sie bedeuten als blosse Unterhaltung. Andererseits stimmt mich ihre Einsamkeit traurig.

Es muss sehr schwer sein, nach all den Jahrzehnten zum ersten Mal alleine zu sein. In ihrem Alter schliesst man nicht mehr so ring neue Freundschaften. Und die bereits  bestehenden Freunde leben vielleicht auch nicht mehr. Aber, da bin ich mir sicher, nicht nur meine verwitwete Oma und ihre Altersgenossen kennen Einsamkeit.

Auch in meinem Alter kann man sich alleine fühlen – trotz regem Sozialleben. Ich kenne das Gefühl gut, denn obwohl ich das Leben im Ausland liebe und nie Probleme hatte, Leute kennenzulernen, Freunde zu finden, zu daten oder eine Beziehung einzugehen, fehlt mir oft die Nähe zu meiner Familie und meinen Freunden in der Schweiz.

Das wurde mir nach Weihnachten bewusst, als ich mich einmal mehr von allen verabschieden musste und in den TGV nach Paris stieg. Ein paar Tage später hatte ich den Abschiedsschmerz überwunden – dachte ich, bis ich an Silvester eine Neujahrs-SMS meines Vaters erhielt und sofort in Tränen ausbrach.

Blöderweise befand ich mich zu dem Zeitpunkt bereits an einer Party, musste also jedem erklären, warum ich so rumheulte, und steigerte mich immer mehr rein. Mein Weinkrampf kann sicherlich ein Stück weit auf meinen Promillepegel geschoben werden, aber eben nicht ganz. Denn meine Liebsten zuhause fehlen mir. Immer. Egal wie viele neue Liebsten ich Paris und New York in mein Herz geschlossen habe.

Einmal datete ich einen, der ziemlich sicher homosexuell war (aber das ist eine Geschichte für eine andere Kolumne). Bevor ich mich auf ihn einliess – hey, man will doch wissen, wie die Beziehung mit einem verkappt schwulen funktioniert – rätselten meine Freunde und ich, was um Himmels Willen dieser Männerverschlinger von mir wolle.

Vielleicht sei er bloss einsam und suche jemanden zum abhängen, witzelte ich. Die Antwort meines Freundes traf mich wie ein Messerstich ins Herz: Klar, wer sei denn schon nicht einsam.

Einsamkeit bedeutet fehlende Nähe – nicht nur im romantischen Sinn. Dass man auch gut ohne Liebhaber zurecht kommt, solange man ein enges Verhältnis zu seiner Familie und seinen Freunden pflegt, weiss ich. Und dass man sich trotz stabiler Partnerschaft einsam fühlen kann, auch.

Ich denke, am wichtigsten ist, dass man mit sich selber im Reinen ist und alleine klarkommt. Und mir hilft der Gedanke, dass zwischen mir und meiner Familie die meiste Zeit über zwar eine räumliche Distanz besteht. Emotional werden wir aber immer gleich stark verbunden sein.

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