Finde den folgenden Gegenstand beim Surfen auf Blickamabend.ch und gewinne tolle Preise!
Suche starten
Du hast den Gegenstand gefunden! Klicke auf Mitmachen und nehme am Gewinnspiel teil.
Mitmachen

Generation L

19.04.2016 31 Reax
teilen
teilen
15 shares

Mitbewohner des Grauens

Buchautorin Linda Solanki.

In eine Wohngemeinschaft ziehen ist ein bisschen wie Russisches Roulette spielen – zumindest wenn man die neuen Mitbewohner vorher noch nicht kannte. Ich suchte bei meinem Umzug nach Paris bewusst eine WG. Zumal ich in New York das Apartment mit einer tollen Italienerin geteilt hatte, die im Laufe des Zusammenlebens zu einer guten Freundin wurde. Leider erwischte ich diesmal beim Roulette die Kugel. Nach zwei Monaten zog ich wieder aus.

 

Einer meiner Mitbewohner fand nämlich nicht nur, es stünde ihm zu, sich nach Lust und Laune von meinem Kühlschrankfach zu bedienen – gleichzeitig bemängelte er meine seiner Meinung nach viel zu gesunde Ernährungsweise; wahrscheinlich hätte er sich lieber ein paar Rugeli Salami unter den Nagel gerissen statt meiner Vegi-Wurst – sondern auch, mein Handtuch mitzubenutzen. Darüber hinaus besass er verblüffenderweise keine Freunde, denn er hockte morgens bis abends in seinem Zimmer und kam nur raus, um meine Einkäufe weg zu futtern, oder, sollte ich gerade in der Küche anwesend sein, die immer gleichen drei Smalltalk-Sätzchen aufzusagen.

 

Kurz: Ich fühlte mich nicht wohl, Tür an Tür mit diesem Sonderling. Dennoch hatte ich es vergleichsweise gut getroffen. Denn was eine Freundin von mir durchmacht, übertrifft die unfreiwillige gemeinsame Nutzung des Badetuchs. Besagte Freundin wohnt zusammen mit vier Geschwistern in einem monströs luxuriösen Apartment im 16. Arrondissement – dem teuersten Viertel der Stadt. Dies, weil sie flüchtig mit der Jüngsten der vier Geschwistern bekannt ist, die ihr bei ihrer Ankunft in Paris Unterschlupf gewährt hat. Miete zahlt keiner – zumindest keiner der Bewohner. Wie meine Freundin rausfinden musste, verdient sich ihre Bekannte ein goldenes Näschen als Escort. Für Unterkunft, Designerkleider, Restaurantbesuche und so weiter kommen ihre Sugar Daddys auf. Mit einem von ihnen jettet sie gerade um die Welt.

 

Die älteste Schwester ist ein pillenfressender Ordnungsfreak, der meiner Freundin die Hölle heissmacht, sollte einmal eine Tasse stehengelassen oder ein Buch nicht weggeräumt worden sein. Die mittlere Schwester lebt eigentlich mit ihrem Mann auf dem Land, flüchtet aber ab und zu in die Stadt, um sich sexuell auszutoben. Denn die Frischvermählte steht prinzipiell auf Frauen. Das einzige, das sie an ihrem Mann antörnt, ist der Stand seines Bankkontos. Bleibt noch einer, der Bruder, der sich mit seinem Status als Hahn im Korb dermassen unwohl zu fühlen scheint, dass er sich aus der Realität kiffen muss. Und zwar ständig. Bei einem gemütlichen Abend zuhause riskiert meine Freundin, durch das Passivrauchen selber high zu werden.

 

Verständlich, dass sie mit Hochdruck nach einer neuen Bleibe sucht. Ich kann ihr dabei nur raten, nach etwas Eigenem Ausschau zu halten. In meiner jetzigen Wohnung geniesse ich die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will, ohne, dass ich jemanden störe, oder dass mich jemand stört. Sollte es mir zu ruhig werden, lade ich Freunde ein oder gehe aus. Und jeden Morgen erfreue ich mich ab meinem trockenen Handtuch.

teilen
teilen
15 shares
Wie findest du den Artikel?

Unsere Leser empfehlen

Meist gelesen

Bilder des Tages