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Generation L

19.04.2016 220 Reax
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Nächstenliebe

Buchautorin Linda Solanki.

Ein Mann in zerlumpten Kleidern betritt die Pariser Métro. Sobald sich die Türen geschlossen haben, fängt er an: Er sei seit Monaten arbeitslos, lebe auf der Strasse, habe seit Tagen nichts gegessen. Ich höre nur halb hin, denn beinahe bei jeder Fahrt steigt jemand ein, der die anderen Passagiere um monetäre Hilfe bittet. Und dieser hier mag zwar seit Tagen nichts gegessen haben. Dass er dafür heute schon getrunken hat, riecht man.

Ich bleibe in mein Buch vertieft, schüttle nur bedauernd den Kopf, als er sich mir mit geöffneter Hand nähert. Von meinen Mitfahrern erwarte ich ähnliches Verhalten. Höchstens bei Touristen könnte ich mir vorstellen, dass sie das Portemonnaie zücken. Schliesslich steckt Frankreich in der Krise. Die Arbeitslosigkeitsquote beträgt 10.5 Prozent. Davon sind auch Junge betroffen, viele die ich kenne.

Selbst wer einen Job hat, lebt teilweise an der Armutsgrenze. Einige meiner Freunde verdienen in ihrer Hundertprozentstelle knapp eintausend Euro pro Monat. Ein Zimmer in Paris kostet durchschnittlich zwischen fünfhundert und siebenhundert Euro. Für manche von ihnen reicht es nicht einmal mehr fürs Kino oder ein Feierabendbier. Nicht nur am Ende des Monats, sondern generell.

Was tun also diese krisengebeutelten Franzosen, wenn einer in ihren Zug einsteigt und nach einer milden Gabe fragt? Im Gegensatz zu mir kramen doch einige von ihnen in ihren Taschen und drücken dem Bettler ihr Kleingeld in die Hand. Mich rührte diese Geste der Nächstenliebe. Selbst wenn dieser Kerl seine erbeuteten Euros vermutlich versaufen wird, so ist er dennoch ein Mensch und verdient als solcher, unter menschenwürdigen Konditionen zu leben.

Vielleicht zeigen sich die Franzosen genau deshalb so grosszügig, weil sie wissen, es könnte auch sie treffen. Genauso, wie das unberechenbare Schicksal in der Schweiz zuschlagen kann. Ich schätze, was ich habe, vergesse aber immer mal wieder, wie gut es mir geht. An manchen Tagen nervt einfach alles: Da ist die Milch am Morgen sauer, die Schlange bei Starbucks zu lang, es regnet, beim Besteigen der Métro tritt mir jemand auf den Fuss – und dann plärrt auch noch einer im Wagon herum, weil er Geld braucht. Dabei sollte mich ebendiese Begegnung meiner Dankbarkeit erinnern. Es schadet nicht, sich ab und zu seines Glücks zu besinnen, besonders als Schweizer, also als Bürger eines Landes in dem im internationalen Vergleich Milch und Honig fliesst. Und das bisschen Münz im Portemonnaie an jemanden abzutreten, der es nötiger hat, als man selber, tut keinem weh.

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