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Generation L

07.09.2016 438 Reax
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Reise in die Vergangenheit

Buchautorin Linda Solanki.

Ich – sonst so gar nicht zur Prokrastination veranlagt – verschiebe meinen Frühjahrsputz jeweils auf den Herbst oder gerne auch aufs nächste Jahr, wo er dann wieder verschoben wird und so weiter. Diesen Spätsommer aber beschloss ich gründlich auszumisten. Leider hatte ich vergessen, wie viel Kram ich über die Jahre gehortet hatte. Aus dem geplanten Nachmittag wurde ein Wochenende, auch, weil ich mir Zeit liess beim Aussortieren. Der Prozess glich nämlich einer Reise in die Vergangenheit. Da waren zum Beispiel Briefe aus Zeiten vor Emails und Whatsapp. Als Kind pflegte ich nämlich Brieffreundschaften mit Altersgenossen aus Deutschland, den USA, England und der Westschweiz. Ich freute mich jedes Mal riesig, wenn wieder ein Couvert mit meinem Namen darauf im Briefkasten lag, und schrieb mit Eifer zurück. Zumindest die ersten zwei, drei Male. Beim Durchblättern der vielen Fotoalben – noch etwas, das, mit dem Aufkommen der Handykameras, ausgestorben ist – erinnerte ich mich an kuchenüberladene Geburtstagsfeste, meine erste Halloweenparty, organisiert im zarten Alter von neun Jahren, Schulfeten und Pyjamapartys, die genau dem Wortlaut entsprachen. Scheinbar war mir schon als Kind jede Ausrede recht, um zu feiern. Längst verdrängte Modesünden kamen zum Vorschein, wie die viel zu lange andauernde Phase, in der ich Prinzessin und Vagabund gleichzeitig sein wollte und so goldbestickte Kleidchen, die mir meine Grossmutter aus Indien mitgebracht hatte, über Flickenjeans trug. Oder diese eine Woche in der 4. Klasse, in der ich zum Rastafari mutierte. Schaurig auch die ersten Schminkversuche. Blau musste meine unbestrittene Lieblingsfarbe gewesen sein, oder warum sonst hätte ich sie mir übers Lid und bis unter die Augenbrauen geschmiert? Die Abneigung gegen das Haare Kämmen erkannte man auf zahlreichen Bildern unschwer an meiner stolz getragenen Zauselmatte. Später interessierte mich vor allem das andere Geschlecht, wie man nicht nur meinem Tagebuch sondern auch den Anmeldeformularen für die während meiner Gymi-Zeit gegründeten Verkupplungsagentur entnehmen kann. Erfolgreich verkuppelt hatte ich nie jemanden, dafür zahlreiche Telefonnummern und Daten der Jungs aus meinem Schulhaus gesammelt. So erquickend die Schwelgerei auch war, so erfolglos blieb der Frühjahrsputz. Denn die mit ihnen verbundenen Erinnerungen schienen mir allesamt zu kostbar, um die einzelnen Gegenstände wegzuschmeissen. Stattdessen kaufte ich mir einen neuen Schrank, damit die Andenken gut verstaut bei mir bleiben und ich sie an einem regnerischen Herbsttag hervorholen kann für die nächste Reise in die Vergangenheit.

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