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Generation L

11.01.2017 150 Reax
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Silvesterelend

Buchautorin Linda Solanki.

Mein Silvester hat sich mal wieder selber untertroffen. Seit jeher belastet mich der Fluch der zu hohen Erwartungen, die in der Folge bloss enttäuscht werden können. Was habe ich nicht schon alles durchmachen müssen in dieser schrecklichsten aller Nächte: Stirnhöhlenentzündung, Liebeskummer, Trennungen. Nicht zu vergessen die Neujahrsnacht in New York, die ich mit fünf deprimierten Gestalten in einem siffigen Club im Meatpacking District verbrachte.

Diese fünf kämpften nicht nur gegen diverse persönliche, sondern auch gegen ein kollektives Suchtproblem. Immerhin hörten sie auf zu heulen, nachdem sie sich den Verstand taub geschluckt hatten. Am nächsten Morgen flog ich nach Los Angeles, wo mich ein mir sehr lieber Mensch abholte, der es nur mithilfe eines Viertelgrammes Kokain zum Flughafen geschafft hatte. Dementsprechend sah er aus: blass, aufgeschwemmt, schweissüberströmt. Er schlug vor, unser Wiedersehen mit ein paar Drinks zu feiern. Ich wollte lieber heim. Zu viele Drogen, zu viel Traurigkeit. Es war das letzte Mal, das ich ihn oder einen der fünf sah.

Nun aber zu diesem Jahr. Ich versprach mir eine ruhige Nacht, das hatten mich die vergangenen Erlebnisse gelehrt. Ein Dinner mit anschliessender geselligen Runde unter Freunden klang genau richtig. Doch mit dem Dinner fing es schon an: Das Restaurant, das ich zwei Tage zuvor noch eigenhändig angerufen hatte, um meine Reservierung zu bestätigen, blickte uns mit dunklen Fenstern entgegen. Heute geschlossen.

Wir stiefelten also die Gegend ab, um einen Ersatz zu finden, was uns knappe zwanzig Minuten kostete, da die wenigen offenen Lokale restlos ausgebucht waren. Bei -3 Grad, im kleinen Schwarzen ohne Strümpfe, scheinen zwanzig Minuten wie ein halbes Leben. Am Ende gewährte uns ein Edelitaliener Asyl. Leider fand sich bis auf einen Vorspeisensalat nichts Fleischloses auf seiner Karte wieder. Nach Salat war mir, bis auf die Knochen durchgefroren, wahrlich nicht. Darum bestellte ich erst einmal einen doppelten Cognac, zum Aufwärmen, und, als sich meine Beine noch immer nicht von blau zurück zu pink färbten, einen zweiten, einen dritten. Dann wechselte ich zu Whiskey.

Als ich mich schliesslich in der geselligen Runde wiederfand, die sich weniger als gesellig und mehr als pompös herausstellte, schlugen sie zu, die vielen Seelenwärmer. Und ich knallte auf den Boden. Davon zeugt die Platzwunde am Knie. Mehr weiss ich nicht mehr, aber es muss ein herrliches Fest gewesen sein, bei dem ich den halben Inhalt meiner Tasche verlor und den Rest davon auf dem Rücksitz des Taxis liegen liess. Das Ende dieses Jahres werde ich zuhause mit Sushi vom Lieferdienst und Sprudelwasser feiern. Total unspektakulär. Aber wenigstens werde ich mich daran erinnern.

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