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Generation L

19.04.2016 94 Reax
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Warum lügen wir?

Buchautorin Linda Solanki.

Ich finde es immer wieder interessant, in welchen Situationen und worüber Menschen lügen. Mich selber erwische ich immer wieder dabei, wie ich mich aus unangenehmen Aufgaben rausschwindle. Eine Freundin fragt mich, ob ich am Mittwochmorgen auf ihre Kleine aufpassen kann, während sie shoppen geht? Da fällt mir augenblicklich ein Zahnarzttermin ein: „Unangenehme Geschichte, dauert bestimmt bis in den Nachmittag hinein.“

Natürlich könnte ich in so einer Situation einfach die Wahrheit sagen, nämlich, dass ich mich nicht gewachsen fühle, einen ganzen Morgen alleine mit einem schreienden Baby zu verbringen. Und dass ich generell nicht viel mit Kleinkindern anfangen kann. Das würde meine Freundin jedoch kränken, schliesslich sieht sie als Mutter nicht, dass ihr goldenes Prinzesschen in Wahrheit eine dauerbrüllende Pupsmaschine ist. Zudem tu ich mit meiner Ausrede nicht nur mir, sondern auch dem Kind einen Gefallen. Frühmorgens bin ich nämlich nicht gerade das blühende Leben.

Solche Lügen sind meiner Meinung nach mehr oder weniger normal. Wir alle flunkern ab und zu, um uns vor etwas zu drücken. Es gibt jedoch Menschen, die sprechen in weitaus schwerer nachvollziehbaren Situationen Unwahres. An meinem sechzehnten Geburtstag behauptete einer meiner Gäste, mein Geschenk zuhause vergessen zu haben. Sie bringe es mir dafür am Montag in die Schule, versprach sie.

Am Montag fragte ich sie nach dem Präsent und prompt beteuerte sie, das Päckchen schon wieder auf dem Küchentisch liegengelassen zu haben. Morgen, sagte sie, morgen werde sie daran denken. Doch auch am nächsten Tag tauchte sie mit leeren Händen auf. Und wieder schwur sie, es anderntags mitzunehmen. So ging das fast ein ganzes Jahr (!) lang weiter. Ich hatte inzwischen längst begriffen, dass es gar kein Geschenk gab, und machte mir einen Spass daraus, meine Freundin dennoch jeden Tag aufs Neue darauf anzusprechen.

Schliesslich, kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag, rückte sie mit der Wahrheit heraus. Wir lachten darüber, ich war ihr natürlich nicht böse. Aber ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht einfach an den Tagen nach meinem Geburtstag etwas für mich gekauft hatte. Janu.

Diese Lüge mag also etwas seltsam oder zumindest ungewöhnlich scheinen, ist aber nichts gegen das, was eine meiner Bekannten so von sich lässt. Ich verstehe ja, dass der Zwang zum Lügen eine Krankheit ist. Aber wie man behaupten kann, zur englischen Königsfamilie zu gehören, oder dass man von der gemeinsamen Freundin mit Nacktbildern belästigt wird, oder jeglichen anderen Unsinn, bei dem sofort klar ist, dass es sich um eine Erfindung handelt, bleibt mir ein Rätsel. Ich schätze, diese Personen brauchen Aufmerksamkeit, denken vielleicht, sie seien ohne diese Phantasiegebilde nicht interessant genug. Grundsätzlich geht es wohl darum, die Freunde nicht zu verlieren. Und in dem Punkt unterscheiden sich diese Lügen gar nicht so von meinen.

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