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Generation L

20.04.2016 326 Reax
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Zu Gast in der Pariser High Society

Buchautorin Linda Solanki.

Ich mag die Franzosen ja wirklich gerne. Auch wenn es mich in den Wahnsinn treibt, dass scheinbar keiner in diesem Land es je schafft, pünktlich zu sein. Das chronische Zuspätkommen gehört hier genauso zur Kultur wie die vielen gesellschaftlichen Regeln, von denen ich als Ausländerin anfangs keine Ahnung hatte, sie langsam jedoch heraus zu spüren beginne. Besonders in der Bourgeoisie, die sich übrigens selbst als solche bezeichnet, gibt es einige Codes zu beachten, sofern man in diesen Kreisen respektiert werden will.

Vor kurzem wurde ich von einer jener bourgeoisen Familien zum Lunch in einen der teuersten Privatclubs von Paris eingeladen. Zwar hatte ich wenig Lust darauf, alle zwei Minuten unwissentlich etwas falsch zu machen, aber die Aussicht darauf, einen Blick hinter die selektiven Türen zu werfen, wirkte verlockend genug, um meine Zusage zu provozieren.

Darum warf ich mich vergangenen Sonntag in mein schönstes Kleid und fuhr zur Rue Saint-Honoré, wo die Reichen und Mächtigen dieser Welt scheinbar nicht nur gerne shoppen, sondern auch im abgeschirmten Grundstück des Clubs ausspannen.

Dort sass ich dann mit der gesamten Familie in einem Raum, der auch im Schloss Versailles nicht pompöser ausfallen würde, an einem schnörkeligen Tisch unter Kronleuchtern, die vermutlich schwerer waren als ich. Der Lunch bestand aus einem Buffet, das mich ein bisschen an den Take-Away-Bereich der Migros Gourmessa erinnerte. Immerhin wurde der Champagner zuverlässig nachgefüllt, ebenso das 30-Euro-Sprudelwasser.

Man sprach über Politik, aber auch über Alltägliches, jüngste Ferienerlebnisse, Anekdoten von der Arbeit, und gerade als ich fast vergessen hätte, wo ich mich befand, zischte es neben mir „Besteck aus der Tasse!“, was glücklicherweise nicht mir galt, sondern dem Jüngsten der Familie, der es verpasst hatte, den Löffel beim Trinken aus dem Kaffee zu nehmen.

Schockierender schien nur noch sein Krawattenknoten zu sein, der für diesen Anlass scheinbar nicht der richtige war. Hastig entschuldigte man sich, um das Malheur auf der Toilette zu etwas Passenderem zu binden.

Nach dem Essen spazierten wir alle ein bisschen durch den sonnigen Garten; alle, bis auf einen der Söhne, der leider zum Sakko, Hemd und Krawatte Jeans trug und dem es deshalb nicht erlaubt war, den Aussenbereich zu betreten. Zum Glück hatte ich mich in letzter Sekunde noch für hohe Schuhe entschieden, sonst wäre es wohl auch für mich eng geworden.

Bei so viel Steifheit juckte es mich in den Beinen und ich überredete einen der Sprösse, sich mit mir wegzuschleichen, um das Haus zu erkunden. Es war alles da, was man sich wünschen könnte: Ballsaal, Büroräume, Hotelzimmer für die amerikanischen Gäste, wie mir erklärt wurde, und eine endlose Treppe mit Marmorgeländer, breit genug, um darauf herunterzurutschen. Mein Freund schaute mich mahnend an. Schade.

Danach sonnten wir uns noch ein wenig neben den Stamm-Lederhäuten auf der Terrasse, bestellten mehr vom 30-Euro-Wasser und als die Flasche leer war, fand ich es an der Zeit zu gehen. Ob ich denn wiederkommen werde, fragte man fast schon hoffnungsvoll. Ich bejahte gerne. Denn abgesehen davon, dass mir das Getue um Etikette auf den Geist geht, gefiel mir der Ausflug in die Pariser High Society. Und das 30-Euro-Wasser schmeckt auch ganz passabel.

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