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Gimmas Welt

27.09.2016 56 Reax
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Cyrano - Vater aller Ghostwriter

Rapper Gimma.

Ein Ghostwriter schreibt Texte für andere. Als Rapper ist es seit je her die ultimative Beleidigung, jemandem vorzuwerfen, er schreibe seine Texte nicht selber. Überall sonst auf der Welt ist Ghostwriter ein ehrenwerter Beruf. Einen Ghostwriter einzustellen bedeutet Text-Optimierung nach eigenen Interessen. Ein Ghostwriter zu sein, bedeutet die eigene Fähigkeit unter einen grossen, langen Schatten zu stellen. Im Dienste einer «grossen Sache».

Cyrano besitzt die Fähigkeit, die perfekten Liebesbriefe aufzusetzen. Er liebt nur dummerweise die falsche Frau, wenn man so will: Roxane, seine Cousine. Und er ist hässlich, sofern man keinen Fetisch für Nasen hat. Wir treffen hier auf die perfekte Ausgangslage für den Job als Ghostwriter: perfekte Ausdrucksfähigkeit trifft auf mindestens ein grosses Dilemma. Und etwas Narzissmus natürlich. Denn dann taucht Christian im Leben von Cyrano auf: wunderschön, charmant und absolut unfähig einen geraden romantischen Satz zu sprechen, doof wie Bohnenstroh. Perfect match, denn auch er steht auf – sie ahnen es – auf Roxane, Cyranos Cousine. In einer unheiligen Allianz schaffen die beiden Männer das Unmögliche: sie verzaubern Roxane mit der Kombination der perfekten Liebesbriefe für den perfekten Mann. Dies geht schlussendlich so weit, dass Roxane ihrem Christian unwissend über dessen Ghostwriter gesteht, dass sie seinen Geist «mehr denn Ihn liebe». Aber wir wollen uns ja nicht dem tränenreichen Ende vom gespaltenen Schädel Cyranos widmen und übergehen entsprechend auch, dass Christian im Krieg fällt, worauf Roxane zur frommen Nonne mutiert vor lauter Trauer. Tatsache ist: dieser Cyrano war ein verdammt guter Ghostwriter – und loyal bis zum Schluss.

Frisch in der Sekundarschule suchte ich Anschluss, egal wie. Die Aufsätze zum Thema «Gruselige Geschichten» schrieb ich für die ganze Klasse im Alleingang. 20 konsekutive 6er Noten wurden garniert mit einer 5. Die bekam ich. Es war eine irritierende Erfahrung, aber wohl das Problem des unangepassten Ghostwriters: deine Texte dienen den anderen einfach mehr als dir, compadre.

Mit knapp 30 bekam ich zum ersten Mal die Möglichkeit, mein Talent als Wortezulieferer zu monetisieren. Gleich zwei Lieder sollten es sein, die dieser Mundart-Sänger mit meiner Hilfe zu mehr «Strassenflair» verhelfen sollten. Nichts leichter als das und danke für die CHF 4'000.--! Tantiemen gab es nicht. Unter den Liedern steht sein Name unter «Text». Für mich absolut in Ordnung. Meine Karriere ging ohnehin den Bach runter mit meiner Gesundheit im Schlepptau. Trotzdem freute ich mich, dass er von seiner CD 30'000 Stück absetzen konnte und einige tolle Preise gewann. Oder eben, ich freute mich einfach. Nur wenige Leute wissen, welcher nach wie vor erfolgreiche Sänger das war. Ich verrate es nicht. Und in der Regel vermuten die Leute ohnehin den Falschen. Das spricht für mich. Die Plattenfirma gibt mir entsprechend heute noch gerne Aufträge… die ich allerdings oft ablehnen muss. Keine Zeit! Ich muss noch etwas schreiben.

Wir haben Cyrano im Stadtpark Chur inszeniert. Ein grossartiges Ensemble, top Leute rundherum, geiles Licht und starker Sound. Plus ein paar Textstellen, wo ich Ghostwriter spielen durfte. Zum Beispiel bei Christians prä-verliebtem Selbsthass-Monolog – bei uns in Mundart: «i kann aifach nid schriiba!». My life in a nutshell! Viele Vorstellungen ausverkauft oder sehr gut besucht, tolle Presse und das unbezahlbare Bauchgefühl: ich habe einmal mehr bei einem wirklich ausserordentlich gelungenen und überdurchschnittlich erfolgreichen Projekt mitwirken können. Danke an dieser Stelle an sämtliche Beteiligten bei diesem Riesenwurf. Beste.

So lernte ich über die Figur Cyrano de Bergerac. Kaum hatte ich die Figur des Vaters aller Ghostwriter für mich entdeckt, gab es schon die nächste grosse Überraschung: Savinien Cyrano de Bergerac wurde am 6. März 1619 in Paris geboren. Er war im Gardechor, Schriftsteller. Er war ein Aufklärer, ein Poet. Der Mann hat existiert! Er schrieb über Sonne und Mond, Söhne. Bis ihm ein Balken auf den Kopf fiel, mit 36 Jahren. Man munkelt, es war ein Anschlag.

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