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Gimmas Welt

23.09.2016 69 Reax
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Erlebnisurlaub «Handyfrei»

Rapper Gimma.

Es passiert den strukturiertesten Menschen, den Armen, den Reichen, denn Dummen genauso wie den Gescheiten. Den Einen fällt es in Klo und lernt, dass es nicht wasserdicht ist. Andere erfreuen sich am Spinnennetz-Display. Ich persönlich erlaube mir einmal pro Jahr den Totalverlust. In der Regel finden folgende Komponenten ihre Harmonie in diesem Ereignis der Freude: Alkohol (evtl. mehr als genug), ein grosses Fest mit viel zu vielen Leuten für meine klaustrophobischen Tendenzen (2016: churerfest Apero, Freitag, Eröffnung), ein früher Start ins Gelage und last but not least but every time: eine Taxifahrt. Diese fand um etwas nach 21 Uhr statt. Meistens trage ich eine Jacke, mit Vorteil mit vielen verworrenen Säcken und Taschen und Verstecken. Wenn sich dann der Alkohol mit der Klaustrophobie in Diskurs begibt und ich flüchte. Es muss dann schnell und unkoordiniert sein und lächerlich aussehen und vermutlich treffe ich in diesem Zustand auch noch Leute und ach herrje.

Morgens fehlt das Handy. Wenn jetzt praktischerweise auch noch Wochenende ist, gibt es keine Ausflüchte für mein Dilemma: kein Shop kann helfen, ich kann keinen anrufen und mein Internet in diesem Kaff funzt nur mit Hotspot. There you are – kommunizier jetzt Mal du kleines Wiesel der Dummheit!

Die ersten Stunden sind schlimm. Man hätte da ja einige Termine abgemacht, die man jetzt aus 2 Gründen nicht einhalten kann: erstens weiss man nicht wo, da man noch nicht abgesprochen hat wo – man ist eben «spontan» (und meint unentschlossen) – und obendrauf kann man diesen Termin gar nicht schieben, denn man hat ja keine Möglichkeit zu telefonieren, geschweige denn die Nummern irgendwo analog gesammelt. Ich wette Menschen mit einem Back-Up sind glücklicher in dieser Minute, wenn sie strahlend am See herumwalken und 1 Grinsen auf dem Gesicht haben wie Moneyboy. Ich schäme mich jetzt etwas. Lustigerweise kann ich diese Scham nicht teilen, auch nicht mit Facebook.

Nach den ersten Stunden totaler Verwirrung stellt sich etwas Ruhe ein: immerhin, wenn man sein Gerät verliert, hat man wenigstens eine wirklich gute Ausrede, warum etwas nicht klappt. Sind wir dermassen abhängig von diesem Knochen? Sollte sich da tatsächlich so etwas wie eine Entbindung einstellen? Ich frage mich zum Beispiel, wieviel Zeit ich unreflektiert in dieses Teil gestarrt habe, mich melde zu Dingen, die völlig belanglos sind, bei Personen, die wohl ebenfalls zu wenige Hobbies haben.

Am ersten Tag unternehme ich einen schwachen Effort, dieses Teil wieder zu finden. Ich melde mich in der Stammbeiz, da ist es nicht. Ich akzeptiere nun mein Schicksal. Am Abend koche ich ausgiebig ohne Rezept – dummerweise auch ohne Besuch, handybedingt. Fresse mich voll, schaue mit grossem Interesse einen Film im TV, lese ein Comic, das ich in Jahren nicht aus der Plastikverpackung zu pulen wagte. Ich rülpse fröhlich vor mich hin, bin zeitig müde und verzichte jetzt aus naheliegenden Gründen auf einen Wecker. Das würde spätestens am Montag unschön enden, denke ich ausgeruht am Mittag.

Der Sonntag ist ein Highlight. Nix zu tun und keine Ablenkung. Wann gibt es das schon? Man beginnt Tee aufzusetzen, schreibt wieder, spielt wieder, liest wieder. Nicht, dass man sonst komplett ab der Welt gekoppelt gewesen wäre. Aber es ist komisch: ich lese ein Comic (Batman #52, in Berlin aufgestöbert), nippe am Tee (Hymalaya Tee, Coop, knappa Füüfliiber), habe KEIN Bier im Haus, kann nicht in den News nachschauen, was passiert alle 5 Minuten, schnappe Wortfetzen auf, lese gute Dinge in gescheiten Büchern und schreibe mir meinen inneren Zwang in diesen Text darüber, um den Druck noch weiter abzubauen. Aber es ist komisch, weil: keiner weiss davon. Ich könnte jetzt auf einer Bergspitze stehen, stolz. Im Thermalbad mit Begleitung. Beim Brainstorming mit den Geschäftspartnern. Nein, ich sitze hier auf meinem Sofa und tippe in den Computer. Genau: bevor das Handy Schuld war, war es der Computer. Hatte ich doch glatt vergessen.

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