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Gimmas Welt

19.04.2016 77 Reax
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Stripperinnen Gehirnwäsche

Rapper Gimma.

Ich bin von Zeit zu Zeit sehr stark nachtaktiv. Das hat einen simplen Grund. Wenn irgend ein grösseres Projekt in die Schlussphase tritt, teste ich es in der Nacht. Lieder, die ich wieder und wieder durchhöre, Fehler die ich korrigiere, Fehler die ich bewusst nicht korrigiere. Reihenfolgen. Ausschmücken, Details, zusammen fügen was vielleicht nicht zusammengehört. Wieder trennen, übermalen. Zufrieden tot-feiern in jedem erdenklichen Zustand zwischen hellwach und Fiebertraum. Wenn etwas dieses viel zu ehrliche Stahlbad überlebt, das durchaus Monate dauern kann, darf es auf die Menschheit losgelassen werden.In diesen Nächten, wo ich konzentriert eine Balance zwischen Arbeitsmoral und Experiment suche, ist das Rahmenprogramm belanglos. Bin ich zu Hause läuft der Fernseher nebenher. Irgendwelche Bücher liegen herum, Notizen, Hefte, Zitate. Manchmal setze ich mich sogar ans Internet und kommuniziere mit Leuten auf der anderen Seite des Globus oder den wenigen anderen Nachteulen im virtuellen Freundeskreis. Nebenher. Ablenkung. Manchmal Input.

Aber immer nach Mitternacht, zu einem immer zufällig geteilten Moment, sei's weil ich den TV-Sender über Stunden nicht wechsle oder eben genau weil ich im Gegenteil nervös zappe, passiert es. Ich lande bei den minutenlangen Werbungen eines Sex-Chat Anbieters. Ich bleibe hängen. Ich starre, versuche zu begreifen, was sich da abspielt. Es gibt jetzt, in diesem Moment, Typen, die für 15 Gratis-Minuten Gestöhne furchtbar erregt auf ihrem Handy herumhacken. Wie wir damals bei 156. Nicht dass mich das stören würde, ich klebe ja nur am Bildschirm, weil es mich auch anzieht. Aber nicht die Verlockung eines Anrufes. Ich bin fasziniert davon, dass ich diese Werbungen inzwischen so oft gesehen habe, dass ich etwas mit den Frauen auf dem Bildschirm antizipiere. Ich schmunzle über Witze der mir bekannten Performerinnen. Ich erwarte gewisse Dinge, suche nach neuen Details, Namen zwischen süssem Getränk und bösem Disney-Charakter. Ich nicke beipflichtend, wenn ich glaube, eine der niederschwelligen Botschaften durchschaut zu haben. Mir ist glasklar, warum das passiert und ich versuche jede Szene zu erahnen, freudig und neugierig. Remo bei der Bank tagträumt vom Sex mit der Sekretärin vom Chef und ich visualisiere möglichst wenig solches, da es öfter eintrifft, als ich mich nachher dafür entschuldigen möchte. Also doch lieber platonisch oder virtuell oder noch besser komplett eingebildet und realitätsfremd. Ich brauche noch ein Bier, wollt ihr auch eins Mädels? Ist es warm in dieser Sauna? Seid ihr oft nackt aufm Balkon? Ist die Szene mit der Parkbank von Rain Man inspiriert? Wir prosten uns zu und lachen. Aber ich bin alleine hier.

Jedes Mal wenn ich mich wieder dabei erwische, wie ich zufällig eben doch wieder bei dieser Werbung klebe, schwöre ich mir, den Bann mit einer Kolumne zu brechen. Es muss beim Namen genannt werden: ich habe unkeusche Gespräche mit einer TV-Werbung, während ich Bruchstücke von Freud auf Bukowski loslasse, während Nietzsche gerade Balladen von Ben Harper sampelt. Wäre das ein Bild, Banksy würde es vermutlich anpinkeln vor Hass. Damit muss ich umgehen. Man ist nicht, was man bewundert. Aber man ist sich selbst wenn man etwas aufrichtig bewundern kann. Als hätte mich Hera Delgado persönlich gefesselt. Dialoge aus der Hölle. Ich höre nur Harfenklänge. Bilder des sexistischen Grauens. Ich denke an Liebesbriefe. So war das schon immer. Am liebsten wäre ich nackt in die Kirche, um die Gegensätze gegeneinander auszuspielen. Oder gedoped zum Sport. Blind in die Bücherei. Glücklich zur Schule. Müde nach Hause. Früh aus dem fremden Bett.  Zur Arbeit, Arbeit, Arbeit.Diese Damen arbeiten. Sie bezirzen verzweifelte Hausmänner, die zwischen den Hasskommentaren auf Facebook über Ausländer und der nächsten neuen Alternative zu Ashley Madison auch Mal gerne etwas zurück möchten, nebst Unverständnis, Links-Swishen, Zuspruch oder «Wir»-Parolen. Ob die wohl auch dann am Telefon Sachen sagen, die sie sonst ins ewig geduldige Netz hämmern?

Diese Damen müssten es wissen. Sie arbeiten jeden Tag im anderen Schussfeld der Wohlstandsgesellschaft nebst der Sozialherausforderung «Zukunft». Sie bekommen die anonyme Masse in ihrer pursten Erregung zu spüren, zur spannendsten, offensten Uhrzeit. Unter den streitbarsten, einsamsten Dialogen und Handlungen. Ich stelle mir vor, ob auch Islamisten anrufen manchmal? Oder Promis, zugeballert, die einfach Mal reden möchten. Oder «Fans»? Fans, die dann schreien, beleidigen, und jede Energie darauf verwenden, sich besser und moralisch überlegen zu führen.Oder verliebte Spinner. Es muss sie geben. Typen, die im Gegensatz zu mir bewusst auf diese Beiträge warten, freudigarscherregt und euphorisch. Und hoffnungsvoll wohl auch. Vermutlich. Traurigerweise. Die würden sich noch wundern, was diese Damen teilweise für coole Lebenspartner haben, wie fit und gebildet.Die Mädels ziehen sich aus (hatten sie je Klerider an?) und mir wird das alles zu plump hier (Langeweile eher). Ich brauche wieder geistige Nahrung aus Gutenbergs Nachgeburt. Brüste sind ja toll und alles, aber irgendwie geht es mir beim Lesen grosser Dramen besser als beim Starren auf diese Bildschirm-Metzgereiauslage für den verhaltensgestörten First-World Mann über 30. Aber man sieht sich garantiert wieder, morgen, nächtens. Lang lebe die Nacht! Und weiter im Takt der Tastatur!

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