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Gimmas Welt

04.10.2016 101 Reax
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Vor 19 Stunden das letzte Mal eingeloggt

Rapper Gimma.

Wir sind nicht mehr connected. Zwar sind wir vernetzt. Aber nicht connected. Die Interaktion ersetzt die Kommunikation. Statt das wir den anderen fragen, wie es ihm geht, schiessen wir lieber ein gemeinsames Selfie mit der unsichtbaren Untertitelung: «sehr her, wie grossartig es uns geht!».

Mir persönlich ist das natürlich sehr egal. Warum? Naja, sagen wir es so: ich bin nicht wirklich unglücklich, wenn ich kostbare Zeit mit mir selbst verbringe. Da hat es noch Baustellen bis an mein Ende, die ich gerne noch selber mindestens aufräumen, wenn nicht sogar abschliessen möchte. Das geht nämlich. Da muss man nur manchmal, in ganz seltenen Fällen, connecten. Mit Arzt. Oder Bekannten. Oder der Vergangenheit.

Nichts desto trotz hagelt die Interaktion pausenlos auf uns ein. Früher, als man noch 2-3 reale gute Freunde hatte, blieb man an deren Leben dran und führte entsprechend Gespräche, die auch aus reinem Interesse am Gegenüber von Dingen handelten, die weiter zu reichen hatten als das simple «gefällt mir». Gefiel mir nämlich manchmal gar nicht, wenn mein Kumpel Sonntagabends komplett neben den Schuhen vom Weekend eigentlich doch nichts zu erzählen hatte, ausser, dass er trotz der 10 Gramm Koks noch durchaus gut schlafen könne bis Montag. Aber das ist okay. Ist ja trotzdem mein Kumpel. Und ich darf ihm auch einmal eine Standpauke halten. Vielleicht nicht unbedingt in diesem Zustand, aber das Handy kann auch montags connecten.

19 Stunden war es her, dass Sie sich das letzte Mal auf Facebook eingeloggt hatte.

Zum Feierabend sassen wir beschwingt in der Stammkneipe, das übliche Brimborium aus wirklich lustigen Menschen beim Bier. Ich gab mir meinerseits die Kante, weil Donnerstag. Dann darf ich, selten, aber auch ich darf. Keine Sorge übrigens, weder Mittwoch noch Freitag wurde das nachzelebriert. Es bleibt Ausnahme, weil die Leute mit mir ja connected sind und durchaus in der Lage, mich auf meinen Zustand hinzuweisen. Mit dem Taxi ging’s nach Hause in die Nacht.

Dort angekommen erfuhr ich vom Selbstmord einer mir sehr entfernt bekannten jungen Frau. Das ist immer traurig. Selbstmord bleibt aber eben auch das Anti-Kavaliersdelikt aller Lebensfehler, in meinen Augen. So sehe ich das eben. Aber ich nahm es bedrückt zur Kenntnis. Wieder jemand weniger, wieder etwas weniger Leben.

Am Morgen hatte ich diesen kurzen Zwischenruf längst vergessen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und begann mit meiner Arbeit. Nach einigen Mails und Notizen loggte ich mich bei Facebook ein. Der Chat verriet mir: Sie war vor 19 Stunden zum letzten Mal online gewesen. Danke Facebook, dass du uns so gut connectest, ich hätte ihren Selbstmord sonst glatt vergessen. One friend down. Und ihr Profil quoll über vor Trauer ihrer Freunde.

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