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Das Leben in der Hölle: Geistig behinderte Indonesier werden wie Tiere angekettet

Geistig Behinderte sind vom Teufel besessen und gehören eingesperrt oder gefesselt. So der verbreitete Glaube und traurige Alltag in Indonesien. Die Organisation Human Rights Watch veröffentlicht unglaubliche Bilder.

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Pasung bleibt trotz Verbot eine traurige Realität. play
Pasung bleibt trotz Verbot eine traurige Realität.

Der Indonesier Engkos Kosasih hielt seine 50-jährige Tochter 15 Jahre lang in einem Zimmer eingesperrt, weil er dachte, sie wäre verflucht und vom Teufel besessen. «Sie grabte Ernte anderer Leute aus und ass rohen Mais. Ich war beschämt und verängstigt», sagt Kosasih. Zuerst band er ihre Handgelenke und Knöchel mit einem Kabel zusammen, aber sie schaffte es, sie zu lösen. Darum sperrte er die Tochter in der Dunkelheit ein, denn Bretter an den Fenstern sollten ihr Entkommen verhindern. Zweimal täglich schob er ihr einen Teller mit Essen durch ein Loch in der Wand rein. Das Zimmer wurde nie geputzt, weil keiner den Raum betreten hat.

So verbrachte dieser Mann neun Jahre seines Lebens im Hinterhaus seiner Eltern. Als er befreit wurde, waren seine Beine vom Nichtgebrauch verkrümmt. play
So verbrachte dieser Mann neun Jahre seines Lebens im Hinterhaus seiner Eltern. Als er befreit wurde, waren seine Beine vom Nichtgebrauch verkrümmt. Human Rights Watch

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Schätzungsweise 18'800 geistig behinderte Indonesier werden entweder eingesperrt oder an Ketten gefesselt.

Bevor er starb, lebte dieser Mann abgemagert und angekettet auf einer Plattform in Brebes. Seine Knöchel schwollen von den Fesseln an. play
Bevor er starb, lebte dieser Mann abgemagert und angekettet auf einer Plattform in Brebes. Seine Knöchel schwollen von den Fesseln an. Human Rights Watch

Das Einsperren und Unterdrücken von Familienmitgliedern mit psychischen Problemen, das so genannte Pasung, wurde 1977 in Indonesien verboten, doch in der Praxis bleibt dieses Problem bestehen. Laut einem neuen Bericht von Human Rights Watch werden mehr als 57'000 Menschen mit echten oder vermeintlichen geistigen Behinderungen mindestens einmal in ihrem Leben gefangen gehalten.

Das Leben eines anderen jungen Mannes bei seinen Eltern in Ponorogo. play
Das Leben eines anderen jungen Mannes bei seinen Eltern in Ponorogo. Human Rights Watch

Das Problem liege im verbreiteten Aberglauben, Menschen mit psychischen Problemen seien vom Teufel besessen, erklärt Kriti Sharma, die am Bericht mitgewirkt und von Kosasihs Tochter erfahren hat.

Kriti Sharma von Human Rights Watch play
Kriti Sharma von Human Rights Watch Facebook

 

Auch Ekram aus Cianjur gehört zu den Pasung-Opfern. Er wird seit mehreren Jahren in diesem Stall gehalten.

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Human Rights Watch

Sein Bruder Mustafa erklärt die Hürden und Herausforderungen des Alltags so: «Mein Bruder fällt oft in Rage. Er hat auch schon mich und meine Eltern ins Gesicht geschlagen. Also habe ich ihn mit einem Seil gefesselt. Jedes Mal, wenn er geschlagen hat, habe ich ihn in den Stall gesteckt.» Es gab eine Zeit, da hat der Mann im Haus mit der Familie gelebt und Medikamente genommen. Doch dann hatte die Familie kein Geld mehr für die medizinische Versorgung. Und so musste Ekram zurück in den Stall.

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Human Rights Watch

Genau wie die 29-jährige Carike, die vier Jahre lang in einem schmutzigen, engen Ziegenstall eingesperrt war, kaum in der Lage, sich inmitten des Ziegenkots zu bewegen.

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Human Rights Watch

Vor fünf Jahren wurde die Frau aus dem Stall befreit, so lange ihre Eltern Geld für die notwendigen Medikamente aufbringen konnten. Als das nicht mehr ging, verschlechterte sich ihr Zustand und sie musste wieder in den Stall zurück.

Der Vater von Carike im Ziegenstall. play
Der Vater von Carike im Ziegenstall. Human Rights Watch

«Es ist ein Teufelskreis. Denn die Familien der Betroffenen erhalten weder finanzielle, noch soziale oder medizinische Unterstützung und sehen keinen anderen Ausweg, als die Kranken einzusperren», sagt Yeni Rosa Damayanti, eine Behindertenrechtsanwältin.

Yeni Rosa Damayanti, die Behindertenrechtsanwältin. play
Yeni Rosa Damayanti, die Behindertenrechtsanwältin. Human Rights Watch

Im ganzen Land gibt es nur 48 medizinische Einrichtungen für Behinderte. Und mehr als die Hälfte dieser Institutionen sind auf vier der 34 Provinzen verteilt. Doch 90 Prozent der Menschen haben nicht mal genügend Geld, um die Fahrt dorthin zu finanzieren.

Auch im Lawang-Spital für psychisch Kranke werden die Menschen gefesselt. play
Auch im Lawang-Spital für psychisch Kranke werden die Menschen gefesselt. Human Rights Watch

Wer es dennoch dorthin schafft, hat nicht unbedingt ein besseres Leben als bei den Eltern zu Hause. Diejenigen Patienten, die in Krankenhäuser untergebracht werden, müssen häufig sexuelle Übergriffe und andere Missbräuche wie Elektroschocktherapien über sich ergehen lassen. «Als ich geduscht habe, haben die männlichen Wächter mir dabei zugeschaut. Einer hat meine Vagina berührt. Einfach aus Spass», erzählt Tasya, die in einer solchen Einrichtung lebt.

Und in Institutionen, die von religiösen, traditionsorientierten Heilern geleitet werden, fehlt es an jeglicher schulmedizinischer Praxis. Es herrscht der Glaube, Kranke können durch Koranverse, «Zaubertränke» und schmerzhafte Massagen, die blaue Flecken hinterlassen, geheilt werden.

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Human Rights Watch

Auch die mangelnde Hygiene ist ein sehr grosses Problem.

Eine Frau aus Ponorogo. play
Eine Frau aus Ponorogo. Human Rights Watch

Die Menschen müssen im selben Raum schlafen, essen und ihre Notdurft verrichten, wie im Bina Lestari Heilungszentrum in Brebes, das Human Rights Watch besucht hat. Die Einrichtung wird von einem muslimischen Heiler geleitet. «Stell dir vor, wie es wäre, in der Hölle zu leben. Das ist wie hier», sagt die 22-jährige Asmirah, die in Brebes untergebracht ist.

 

Menschen, die so gehalten werden, sind isoliert, verwahrlost und entwickeln alle möglichen physischen Beeinträchtigungen als Resultat vom angekettet und unterernährt sein. So zum Beispiel eine Muskelatrophie.

 

Auch eine Chance, danach ein normales Leben zu führen, bleibt den meisten verwehrt.

Ein Mann singt in seiner Zelle in einem traditionellen Heilungszentrum in Cilacap. play
Ein Mann singt in seiner Zelle in einem traditionellen Heilungszentrum in Cilacap. Human Rights Watch

Die Regierung arbeitet daran, die Zustände zu verbessern. Human Rights Watch fordert vor allem ein Umdenken in der Gesellschaft. Statt die Menschen zu isolieren, soll man auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihnen helfen. «Die Regierung muss die psychische Gesundheit zu einer Priorität machen, weil es ein Menschenrecht ist. Menschenrechte für psychisch (gesunde) Patienten sollten die gleichen wie für alle anderen sein.»

Eine Frau, die jetzt in der sozialen Einrichtung in Bengkulu in Sumatra lebt, zeigt ihre Verbrennungen. Sie konnte einem Feuer nicht entfliehen, weil ihre Eltern sie in einem Holzschaft eingesperrt hatten. Als es anfing zu brennen, waren die Eltern nicht zu Hause, ein Nachbar hat sie gerettet. play
Eine Frau, die jetzt in der sozialen Einrichtung in Bengkulu in Sumatra lebt, zeigt ihre Verbrennungen. Sie konnte einem Feuer nicht entfliehen, weil ihre Eltern sie in einem Holzschaft eingesperrt hatten. Als es anfing zu brennen, waren die Eltern nicht zu Hause, ein Nachbar hat sie gerettet. Human Rights Watch
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