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Offener Brief an Twitter-CEO Jack Dorsey: Die zu kleine Online-Weltbühne

Die Aktie taucht. Die Userbasis stagniert. Das Social Network taumelt. Peter Hogenkamp* schreibt Jack Dorsey einen offenen Brief. Von Internet-Unternehmer zu Internet-Unternehmer.

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«Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen»: Hogenkamp zu Twitter-CEO @Jack Dorsey. play
«Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen»: Hogenkamp zu Twitter-CEO @Jack Dorsey. Reuters

Lieber Jack Dorsey

Ich bewundere viele Leute im Silicon Valley, aber am meisten bewundere ich die, die wirklich originäre Ideen haben, mit denen Sie etwas Neues in die Welt bringen. So wie Sie, als Sie sich vor fast genau zehn Jahren überlegten, einen Dienst anzubieten, der Kurznachrichten in SMS-Länge öffentlich macht, damit Leute schreiben können, was Sie gerade machen. Den Sie zuerst «twttr» nannten, später dann weniger sperrig «Twitter».

 

Neue Ideen haben es zu Beginn nicht leicht. Erst sagten Ihnen Ihre Kollegen, Sie spinnen. Dann fanden es die Freaks an der texanischen Hipster-Konferenz «South by Southwest» toll. Und irgendwann sprang fast die ganze Welt auf.

Heute hat Twitter beeindruckende 332 Millionen User. Fussballer vertwittern nach dem Sieg Gruppen-Selfies aus der Kabine. Stars und Sternchen lassen uns mehr oder weniger bekleidet an ihrem Privatleben teilhaben. Staatsmänner machen Politik und sind – falls Sie selbst das Gerät in die Hand nehmen – für ihr Wahlvolk erstmals einigermassen direkt erreichbar, wie etwa der junge kandische Premier.

 

An vielen Konferenzen dient Twitter quasi als der offizielle Kommunikationskanal, von den Referenten auf der Bühne wird neben dem Namen nur das Twitter-Kürzel eingeblendet, als universelle, leicht zugängliche Brücke zu allen weiteren Informationen. Und Twitter hat 2015 nach Schätzungen rund 700 Millionen Dollar Umsatz gemacht.

Eigentlich eine tolle Erfolgsgeschichte - Nur: Leider nicht erfolgreich genug!

Denn wer auch immer über Twitter und vor allem über das Geschäftsmodell der Firma redet, kann nicht nicht an den grossen Konkurrenten denken: Facebook. Denn Facebook hat fast 1,6 Milliarden User – an einer Konferenz in München wurde kürzlich gescherzt: die weltweit grösste Bewegung, mehr «User» als der Katholizismus – und machte 2015 geschätzt rund 17 Millarden Dollar Umsatz. Also das 25-fache von Twitter. Und deswegen geht der Twitter-Aktienkurs seit Monaten nur in eine Richtung: nach unten. Natürlich wird auch das in Tweets vermeldet.

 

Sie, lieber Jack Dorsey, waren nach der Gründung als CEO schnell wieder abgesägt worden. Seitdem ist bei Twitter nichts so kontant wie der Wandel, sprich: das Gezänk hinter und vor den Kulissen. Angesichts der schnellen Wechsel in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat muss man sich schon anstrengen, um sagen zu können, wer gerade welche Funktion hat. Deswegen haben Sie wieder übernommen, erst ad interim, dann Vollzeit, um Ruhe reinzubringen. Das klappt bisher nicht so gut. Erst diese Woche hat wieder eine ganze Gruppe von Top-Managern die Firma verlassen, natürlich alle «freiwillig». Auch hier macht die Konkurrenz einiges besser: Die Anzahl der Facebook-CEOs seit der Gründung beträgt genau 1, nämlich Mark Zuckerberg.

Twitter hat also eine Menge Probleme, die Sie lösen müssen.

Dazu sollten Sie zuerst entscheiden, was es eigentlich sein soll.

  • Ein Social Network?
  • Ein Distributionsdienst für Nachrichten und Informationen?
  • Ein mobiler Messaging-Service? (Hier hat leider wiederum Facebook schon WhatsApp weggeschnappt und pusht zudem sehr erfolgreich seine eigenen Nachrichten-App Facebook Messenger.)

Damit zusammen hängt die Frage: Wer soll eigentlich angesprochen werden? Jeder Mensch? (Meine Mutter, eine begeisterte iPhone- und WhatsApp-Userin, kann ich mir auf Facebook vorstellen, auf Twitter gar nicht.) Eine bestimmte Interessengruppe? (Für Journalisten zum Beispiel ist Twitter inzwischen Pflichtprogramm; hätte ich noch vor fünf Jahren auch nicht gedacht.) Teenies? (Sind die nicht alle schon bei Instagram und Snapchat?) Nachrichtenjunkies? Ist es möglich, sie alle glücklich zu machen, oder bliebe es immer der Kompromiss, der es heute schon ist?

Wie positionieren Sie also Twitter im Vergleich zum Konkurrenten Facebook? Soll Twitter mehr wie Facebook werden, etwa durch die kürzlich diskutierte Aufhebung des 140-Zeichen-Limits? Ehrlich gesagt scheint es fast aussichtslos, dass Twitter das bessere Facebook werden könnte. Oder kann Twitter neben Facebook bestehen, ohne dass dessen Dominanz ein Problem für Twitters Strategie ist? Dann müsste das Geld eigentlich aus einer anderen Quelle kommen als aus Werbung, die ja umso besser funktioniert, je mehr User man hat, und hier schient Facebook uneinholbar enteilt.

«Du hast seit fünf Tagen nicht getwittert, ist alles in Ordnung?»

Auch müssen Sie sich entscheiden, wie wichtig Ihnen die alte «Twitter-Garde» ist, also Uralt-User wie ich. Dazu muss ich sagen, dass meine Verbindung eh schon loser geworden ist. Neulich rief mich ein Freund aus Deutschland an, der selbst nicht auf Twitter ist, aber meine Tweets liest, und sagte mir: «Du hast seit fünf Tagen nicht getwittert, ist alles in Ordnung?» Ein zu drastischer Strategieschwenk würde mich und meine alten Twitterkumpel vielleicht ganz vertreiben, aber andererseits: Besser ein Ende mit Schrecken als ein schleichender Relevanzverlust?

332 Millionen Leute zwitschern: Doch sind das genug? play
332 Millionen Leute zwitschern: Doch sind das genug? Reuters

 

Nach wie vor ist Twitter ein unerschöpfliches Füllhorn (heisst auf Englisch offenbar «cornucopia», damit Sie nicht nachschlagen müssen) für aktuelle Live-Inhalte. Facebook ist das Netzwerk, in dem ich mich mit meinen Freunden austausche – Twitter dagegen ist quasi die offizielle Online-Weltbühne. Daraus muss man doch etwas machen können. Natürlich kommuniziere ich mehr mit meinen Freunden, aber Weltbühne ist so schlecht nicht.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es etwas geben könnte, mit dem Sie Geld verdienen können, wenn auch vielleicht auf kleinerer Skala als früher mal veranschlagt: Wenn es zum Beispiel eine Premium-Version des heutigen Twitters gäbe, wer würde wofür bezahlen? News-Junkies? Journalisten? Offiziell verifizierte Konten?

Um ganz ehrlich zu sein: Ich möchte nicht tauschen mit Ihnen, denn ich wüsste es auch nicht genau. Aber Sie sind ja der Erfinder, der Guru, der Online-Tausendsassa, also lassen Sie sich etwas einfallen.

Denn wenn es morgen nicht mehr da wäre: Ich würde Twitter sehr vermissen.

*Internet-Zampano Hogenkamp

Peter Hogenkamp ist Twitter-User der fast ersten Stunde (seit Februar 2007), gilt zwar als gebürtiger Deutscher, hat aber eine reichhaltigen Schweizer Leistungsausweis: HSG-Abgänger (mit Doktor), Zeix-CEO, Crossair-Absturz-Überlebender, Blogwerk-Gründer, Digital-Chef bei der «NZZ» – und momentan CEO und Präsident des News-Aggregators Niuws.

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