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«RTL»-Journalist Wallraff erhebt schwere Vorwürfe: Zwingt Flixbus seine Chauffeure zum stundenlangen Pendeln?

Übermüdete Fahrer, Dumpingpreise, Subunternehmen unter Druck: Das «Team Wallraff» ermittelt undercover im Fernbus-Milieu. Im Visier: Marktführer Flixbus.

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Zürcher Carparkplatz im November 2014: Damals waren noch zahlreiche Mitbewerber von Flixbus im Fernbusgeschäft. WALTER BIERI

Zwei Jahre undercover als Fernbusfahrer: Enthüllungsjournalist Günter Wallraff (74) und sein Team nahmen für den TV-Privatsender RTL die Fernbusbranche ins Visier. «Oft wird die Tour zur Tortur», beginnt die TV-Reportage, die Montagabend ausgestrahlt wurde. Ihr Titel: «Billigtrend Fernbusse – wenn die Sicherheit auf der Strecke bleibt.»

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Günter Wallraff geht verdeckt bei Fernbus-Anbietern auf Recherche. imago

Ein Insider aus dem Fernbus-Management hat beispielsweise den Eindruck, dass zu kurze Ruhezeiten und zu müde Fahrer System haben könnten. Jeder vierte Fahrer dieser Fernbusse sitzt heute zu lange am Steuer, beginnt Wallraff. Er sei dadurch übermüdet, gefährde damit sich und die Passagiere. Um das belegen zu können, müsse man verdeckt recherchieren. Die Reportage ähnelt einem Thriller, die Schnitte zwischen den Schauplätzen sind schnell, die Musik dramaturgisch geschickt abgestimmt.

Zum Zeitpunkt der RTL-Aufnahmen gab es acht gewichtige Player im Markt: ADAC Postbus, Meinfernbus, Flixbus, Megabus, Deinbus und City2City. Zwei wichtige Fernbusunternehmen der deutschen Bahn, BerlinLinienBus und IC Bus fehlten jedoch im RTL-Beitrag. Warum? Eine Erklärung gibts nicht.

Marktführer im deutschsprachigen Raum

Immer wieder im Bild zu sehen: die grünen Fernbusse von Anbieter Flixbus. Wallraff spricht mit einem von vielen Opfern. Die Frau war 2015 bei einem Auffahrunfall eines Flixbus’ auf einen LKW dabei und sagt: «Ich steige in keinen Fernbus, in keinen Flixbus mehr ein.»

War der Flixbus-Fahrer übermüdet? Unfallursache war menschliches Versagen, die Sicherheitsauflagen wurden von ihm nicht erfüllt, schrieb Flixbus in einer Stellungnahme.

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Flixbus-Gründer André Schwämmlein. ZVG

Das Unternehmen ist heute Marktführer im deutschsprachigen Raum. Die meisten gewichtigen Anbieter verschwanden vom Markt. Mit zahlreichen Städteverbindungen ist Flixbus auch in der Schweiz unterwegs.

Flixbus-Fahrer darf nicht in Zürich übernachten

Als Undercover-Fahrer bei Flixbus arbeitet der RTL-Mann auf der Flixbus-Strecke von Zürich nach Mailand. Subunternehmer auf dieser Verbindung ist das Lörracher Unternehmen Stiefvater, circa eineinhalb Stunden von Zürich entfernt. 250 solcher Subunternehmer arbeiten für Flixbus. Der Disponent von Stiefvater macht beim RTL-Undercover-Mann keinen Hehl daraus, dass er gerne Rumänen einsetze, weil die – im Gegensatz zu Deutschen beispielsweise – belastbarer seien.

Zürich–Mailand und zurück: Der Tag beginnt für den Undercover-Mann mit der Fahrt im eigenen PW von Lörrach nach Zürich. Die circa 1,5 Stunden Fahrzeit wird dem Fahrer nicht angerechnet, sondern gilt als Freizeit. Sein Kollege und er dürfen auch nicht in Zürich übernachten, weil die Kosten dafür dem Unternehmen zu teuer seien, heisst es. Am Zoll nach Italien wird der Bus von einem Zollteam auseinandergenommen – Zeit für eine Pause bleibt nicht. In Mailand gabs dann eine Stunde Pause, bevor es wieder zurück nach Zürich ging.

Autotrick vom Fahrtenschreiber unbemerkt

Der Autotrick: In Zürich angelangt ist noch nicht Feierabend. Der Undercover-Mann zieht seine Fahrerkarte aus dem Fahrtenschreiber im Bus. Die Rückreise im PW nach Lörrach gelte wiederum als Freizeit, heisst es. Am Folgetag das gleiche Spiel wieder zurück nach Zürich.

Subunternehmer Stiefvater nimmt im TV-Beitrag Stellung: «Der Gesetzgeber hat strenge und sehr eindeutige Vorgaben zu den Lenk- und Ruhezeiten gemacht, die von uns gewissenhaft eingehalten werden.»

Stiefvater lässt gegenüber BLICK ausrichten, dass die An- und Rückfahrt des betreffenden RTL-Undercover-Fahrers als Schichtzeit erfasst wurde. Zudem sei der Fahrer als Aushilfe angestellt gewesen. Festangestellte würden alle im Raum Lörrach wohnen, denn die Flixbusse der Zürich-Mailand-Route verliessen alle vor Fahrtantritt das Busdepot von Stiefvater in Lörrach.

Flixbus-Sprecherin Bettina Engert ergänzt gegenüber BLICK: «Die im RTL-Beitrag kritisierte Linie Lörrach-Zürich wird immer in Zwei-Fahrer-Besatzung im zwei-tägigen Wechsel betrieben. Damit geht unser Buspartner noch über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.»

So werde sichergestellt, dass die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe von 9 Stunden eingehalten werden kann. «Und auch im Falle von Verspätungen noch entsprechend Pufferzeit vorhanden ist», sagt Engert weiter.

Wallraff hat einen Flixbus-Fahrer ausfindig machen können, der entlassen wurde, weil er auf seine Ruhezeit zwischen den Einsätzen auf der Linie Zürich nach Mailand bestand. Dieser hätte nach Lörrach zum Übernachten fahren und so auf drei Stunden Ruhezeit verzichten müssen.

Zum Übernachtungsverbot in Zürich für Flixbusfahrer wollte sich die Flixbus-Sprecherin nicht äussern. Sie hält lediglich fest, dass der Lörracher Flixbus-Partner Stiefvater seit 2012 die Linie Zürich-Mailand fahre und Flixbus-Partner der ersten Stunde ist. 

Flixbus nimmt Stellung zum RTL-Beitrag

Schon vor der Ausstrahlung der RTL-Sendung hielt Flixbus auf seiner Website fest: «Wir nehmen Rückmeldungen jeder Art und insbesondere Kritik an unserem Service und den Sicherheitsstandards in der Branche sehr ernst. Auch die ‹Team Wallraff›-Wiederholung zum Thema Fernbusse haben wir aufmerksam verfolgt.» Man werde alle in dem RTL-Beitrag genannten Vorwürfe an Flixbus und die dort gezeigten Flixbus-Partner prüfen, heisst es weiter.

Pikant: Flixbus-Gründer André Schwämmlein (34) persönlich trat im Januar 2016 bei RTL auf. In der Real-Life-Doku «Undercover-Boss» schlüpfte er in die Rolle des arbeitslosen Mark Förster. Mit Brille, Schnurrbart und einer neuen Frisur arbeitete er an Busbahnhöfen als Check-in Mitarbeiter und Ticketverkäufer. Und dabei musste er nicht nur mit ausfallenden Flix-Bussen klarkommen, sondern auch mit nörgelnden Fahrgästen.

Flixbus-Sprecherin Engert: «Die Missachtung von Sicherheitsauflagen – ob durch Busunternehmer oder Fahrer – wird von Flixbus in keinem Fall toleriert und konsequent nachverfolgt.» Bei Verstössen gegen die gesetzlich streng geregelten Sicherheitsvorschriften wie Lenk- und Ruhezeiten handle es sich um Einzelfälle.

Der Undercover-Fahrer vom Team Wallraff kommt am Ende der Reportage zum Schluss: «So gut wie nie konnten wir auf all meinen Fahrten ohne Tricksereien die Ruhezeiten einhalten.» Seine Hoffnung: Durch den RTL-Beitrag Fernbusunternehmen wie Flixbus dazu zu bewegen, höhere Fahrpreise zu verlangen. Und damit die Fahrer und Subunternehmer fair zu bezahlen, damit die Sicherheit nicht auf der Strecke bleibe. 

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