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Generation L

18.10.2017 396 Reax
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Anger Management

Buchautorin Linda Solanki.

Ich habe mir vorgenommen, mich weniger zu nerven. Vor allem wegen Kleinigkeiten wie ÖV-Verspätungen, unfreundlichen Mitmenschen oder unachtsamen Fremden, die mich auf der Strasse anrempeln. Sich deswegen aufzuregen, lohnt sich einfach nicht. Lieber verwende ich meine Energie dafür, die Mundwinkel oben zu halten und glücklich und zufrieden durchs Leben zu gehen.

Zugegeben, es ist nicht immer einfach, der Wut zu widerstehen. Vor allem, wenn man ein aufbrausendes Gemüt hat, bei dem normalerweise schon ein eingefrorener Internetbrowser für Tobsuchtanfälle sorgt. Ich muss aber sagen, bis jetzt halte ich mich prima.

So nahm ich letzte Woche gelassen hin, dass ich aufgrund einer Fehlinformation meiner App in den falschen Zug stieg und statt am Flughafen in Wallisellen ankam. Zum Glück war ich zeitig losgegangen, denn so konnte ich die anschliessende Tramfahrt zum Flughafen stressfrei geniessen und mich darüber freuen, eine neue Strecke erleben zu dürfen.

Heute, nach einigen grollfreien Tagen, musste ich wieder zum Flughafen. Diesmal in London. Ich verpasste knapp den geplanten Zug, blieb easy, und bemitleidete die Frau, die zusammen mit mir vergebens zum Gleis gesprintet war und nun leise vor sich hin fluchte. Der nächste direkte Zug fuhr zwar erst in 40 Minuten, aber dank eines freundlichen Bahnhofsangestellten wusste ich, dass ich einen früheren Zug und in East Croydon umsteigen konnte.

Ich kaufte mir also einen Tee, lehnte mich zurück und lächelte in mich hinein, voller Vorfreude auf Berlin und die Reunion mit einer guten Freundin. Eineinhalb Stunden vor dem Abflug erreichte ich Gatwick – und stellte beim Scannen meines Tickets fest, dass mein Flug von Luton aus ging. Unmöglich, es noch rechtzeitig hinzuschaffen.

Früher wäre ich, je nach Müdigkeit, entweder in Tränen ausgebrochen, hätte meinen Frust an dem armen Menschen ausgelassen, der das Pech hatte, als nächstes eine Interaktion mit mir zu führen, oder hätte all meine Freunde darüber informiert und am besten auch gleich noch meine Eltern und wäre dabei nicht müde geworden zu betonen, wie ungerecht das, wie dumm ich, und wie ausweglos beschissen diese Situation sei.

Heute aber musste ich lachen. Über mich und den Schlammassel, den ich mir eingebrockt hatte. Dann kaufte ich ein neues Ticket, dieses ab Gatwick. Die sieben Stunden bis zum Abflug nutzte ich, um Gebrauch vom kulinarischen Angebot des Flughafens zu machen, dabei endlich die Essays von David Sedaris zu lesen und mich durch eine Reihe von Klatschheftchen zu blättern.

Meine einzige Sorge war, dass meine Freundin, die Stunden früher von München aus geflogen war, mir die selbst verschuldete Verspätung übelnahm. Meine Sorge blieb unbegründet. Sie reagierte dermassen verständnisvoll und gelassen, dass ich mich gleich noch mehr auf die kommenden Tage mit ihr freute. Uns würde, das wusste ich, nichts und niemand die Laune verderben können.

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