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Generation L

30.03.2017 82 Reax
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Das Ende des Spiels

Buchautorin Linda Solanki.

Vor kurzem verfiel ich dem Fitnesswahn. Ausgerechnet ich, die früher „Sport ist Mord“ als Lebensmotto ins Freundschaftsalbum schrieb und sich den gesunden Arm verband, um vom Sportunterricht befreit zu werden. Alles fing damit an, dass ich ein Fitnessarmband geschenkt bekam, welches meine täglichen Schritte zählen sollte.

Kaum hatte ich mir das Armband umgelegt, vergass ich auch schon wieder, dass ich es trug. Erst beim Verlassen des Büros warf ich einen Blick darauf und erschrak gehörig. Dass man sich während der Bürotätigkeit kaum bewegt, war mir bewusst. Aber all die Wechsel von Meetingräumen, Gänge zur Kaffeemaschine, zur Toilette, zum Drucker hatten doch sicherlich mehr erfordert als 1000 Schritte?

Ich hatte bei Feierabend demnach erst 10% des Tagesziels erreicht. Das konnte ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf mir sitzen lassen, darum stand ich auf, und lief. Lief an der Tramhaltestelle vorbei zum drittnächstgelegenen Supermarkt. Lief mit meinen Einkäufen nach Hause. Lief kurze Zeit später die halbe Stunde zum Kaufleuten, traf Freunde, trank, ass, und lief weiter an die Langstrasse. Den ÖV hätte ich höchstens unter Morddrohungen in Betracht gezogen. Am Ende des Abends lief ich zurück in meine Wohnung. Der Schrittzähler zeigte knapp 11'000 an. Ich war zufrieden.

Von da an musste ich mich ständig steigern. 11'000 waren bald nicht mehr genug; es sollten schon mindestens 15'000 sein, denn 11'000 kann ja jeder schaffen. Morgens hüpfte ich beim Zähneputzen rum, in der Mittagspause ging ich spazieren und wenn ich abends nichts vorhatte, lief ich einen Umweg. Ich liebte dieses Spiel, bei dem ich der tägliche Gewinner war. Meine Freunde mochten es weniger, denn oft zwang ich sie, mit mir zu Fuss die Bar zu wechseln.

Als ich nach einem sehr aktiven Tag 20'000 Schritte ablas, wurde mir mulmig. Denn diese Zahl galt es ab nun zu übertreffen. Am Wochenende durchaus machbar, aber unter der Woche wäre dies nur mit täglichem Joggen möglich. Im Geiste verabschiedete ich mich bereits von Freizeit und Vergnügen, denn ich war nicht bereit, das Spiel aufzugeben.

Dafür gab das Spiel mich auf: Am nächsten Tag verlor ich mein Armband. Vermutlich liess ich es beim Security Check am Flughafen liegen. Ich bemerkte den Verlust erst, als ich im Flieger sass. Nebst der Enttäuschung spürte ich auch eine Erleichterung. Vom Flughafen nach Hause nahm ich den Zug und danach das Tram. Ich stieg auch nicht eine Haltestelle früher aus. Das Spiel war vorbei.

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