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Generation L

25.07.2018 42 Reax
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Ein Wochenende wie jedes andere

Buchautorin Linda Solanki.

In der letzten Kolumne habe ich noch geschrieben, warum ich mich auf das Ende der WM freue. Nun ist sie tatsächlich vorbei – und ich habe mich zum Schluss gebührend verabschiedet. Als nach dem erfolgreichen Halbfinale am Dienstag klar war, dass die Franzosen in den Final einziehen, habe ich sofort das Ticket nach Paris gebucht. Schliesslich bin ich seit Kindheit ein Fan von Les Bleus und seit der Pubertät ein noch viel grösserer Fan von ordentlichen Festen.

Mein Spontankurztrip entpuppte sich als weise Entscheidung, denn nicht nur gewannen unsere Nachbarn die Weltmeisterschaft, sie zelebrierten am Samstag auch noch ihren Nationalfeiertag. Für mich bedeutete das Rosé zum Frühstück, Vodka aus dem Tiefkühler, selbstgebrannter Schnaps aus Avignon, Sushi vom Chinoise um die Ecke, Kartenspiele um drei Uhr nachts, Feuerwerk über dem Eifelturm, Pastis im Café-Tabac bei Ternes, ein frühmorgens hochaktiver DJ in der Wohnung, viel Blau, viel Roten, viel Weissen, Zittern im deutschen Biergarten, Jubel am Place de Clichy, Party bis zum Morgengrauen.

Für mich bedeutete es aber auch, am Montag völlig am Ende im ersten TGV zurück nach Zürich zu reisen, da man mich gegen Mittag im Büro erwartete. Netterweise hatte man mir erlaubt, am Morgen vom Zug aus zu arbeiten. Darum, und weil ich in meinem Zustand nicht wie auf der Hinfahrt neben einer Uno-spielenden Schulklasse reisen konnte und schon gar nicht wollte, hatte ich vorausschauend ein Billett erster Klasse gebucht. Eine weitere Glanzidee.

Denn die erste Klasse hat sich sehr gemacht, seit ich diese Strecke das letzte Mal in ihr gefahren bin. Damals bestand der einzige Unterschied zur zweiten Klasse in der grösseren Beinfreiheit und dem tiefgefrorenen Brötchen, das zusammen mit zwei Scheiben schwitzendem Käse auf einem Plastiktablett serviert wurde. Diesmal jedoch wurde mir der Koffer an den Platz getragen und sogleich ein warmes Tuch zur Erfrischung gereicht. Dann deckte man meinen Tisch mit einer weissen Stofftischdecke, brachte Croissants und Pain au Chocolat zusammen mit einer Auswahl an Getränken und gefolgt von Käsesoufflé, Rohschinken, Rhabarberkompott und Frischkäse mit Beeren.

Entspannt lehnte ich mich zurück und genoss den Ausblick auf die vorbeiziehenden Felder, die schon bald nach der Abfahrt in Paris auftauchten. Ja, so liess es sich auch mit Kater ganz nett leben. Dankbarerweise tippten meine Mitreisenden relativ leise auf ihren Laptops herum, tätigten höchstens ein paar geschäftliche Anrufe in moderater Lautstärke, und benahmen sich allgemein so, wie man es sich als Feierleiche wünscht. Die einzige Störung erfolgte durch ein Mädchen, das durch die erste Klasse zur Toilette laufen wollte, aber unverzüglich vom Schaffner zurück in die Holzklasse geschickt wurde.

Bei der Ankunft in Zürich war ich fast schon etwas traurig, dass die Fahrt zu Ende war, und ich hinaus musste in die hektische, grelle, laute Stadt. Den Nachmittag im Büro überlebte ich nur mit tonnenweise Ingwer-Gurken-Wasser und heimlichem Sekundenschlaf, wenn keiner hinschaute. Also eigentlich ein Tag wie jeder andere nach einem Wochenende wie jedem anderem, an dem Frankreich zufälligerweise auch noch Weltmeister wurde.

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