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Generation L

22.12.2016 95 Reax
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Meine Lebensangst

Buchautorin Linda Solanki.

Mir wird oft irrtümlicherweise unterstellt, ich fürchte mich vor nichts. Das stimmt so nicht. Meine Ängste sind vielleicht einfach etwas weniger offensichtlich als andere. Eine meiner Freundinnen beispielsweise leidet so stark an Höhenangst, dass selbst der Ausflug zur Aussichtsplattform des Uetlibergs eine Qual für sie darstellte.

Schon während wir die ersten Stufen des Turmes hochstiegen, klammerte sie sich am Gelände fest. Nach gut der Hälfte brach sie in Tränen aus und befand sich fortan in einer Art Schockstarre, in der sie sich weder rauf noch runter bewegen konnte.

Wir mussten sie dann zu zweit praktisch tragen, die Treppen hinunter auf den sicheren Boden. Dabei wollte sie sich mit dem Erklimmen der 30 Meter hohen Plattform etwas beweisen. Nämlich, dass sie stärker als ihre Angst sei und diese hoffentlich mit etwas Training überwinden könne.

Auch mir wird schwindelig, wenn ich aus der Höhe runter schaue – oder noch schlimmer, in den Himmel. Das hält mich jedoch nicht davon ab, Kirchentürme zu besteigen, die Aussicht von Rooftops zu geniessen und Fallschirm zu springen.

Die restlichen verbreiteten Ängste lassen mich kalt. Ich fürchte mich weder vorm Fliegen, noch vor Spinnen oder engen, geschlossenen Räumen. Nein, meine Angst sitzt ganz woanders.

Vor kurzem war ich beim Hautarzt. Muttermalcheck. Hatte ich schon einmal gemacht und bin danach mit dem tollen Gefühl rausgelaufen, kerngesund zu sein, beziehungsweise keine verdächtigen Male am Körper zu tragen.

Dementsprechend entspannt sah ich dem zweiten Termin entgegen. Und blieb entspannt – bis der Arzt sagte, ich müsse in drei Monaten wiederkommen, er habe ein asymmetrisches Mal entdeckt, das man beobachten müsse.

Sofort war es vorbei mit der Ruhe. Panisch begann ich zu googeln, was meine Besorgnis natürlich in Todesangst umwandelte. Zurück im Büro rannte ich alle zehn Minuten auf die Toilette, um das Muttermal zu begutachten. Mit jedem Mal, das ich es mir anschaute, wirkte es grösser, asymmetrischer, verschwommener.

Nun sind ein paar Tage verstrichen, was nicht bedeutet, dass meine Angst verblasst ist. Vielmehr zittere ich dem Termin in drei Monaten entgegen und kontrolliere dabei unablässig mehrmals täglich diesen verfluchten Fleck auf der Haut.

Die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit kennt wohl jeder ein Stück weit. Glücklich schätzen können sich diejenigen, die sich zwar vor dem Tod, nicht aber vor dem Leben fürchten.

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