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Generation L

31.01.2018 65 Reax
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Von zwischenmenschlichen und anderen Gourmets

Buchautorin Linda Solanki.

Ist es nicht erstaunlich, wie sehr sich unser Geschmack im Verlaufe der Zeit verändern kann? Mein Bruder überraschte uns jüngst mit dem Geständnis, dieses Jahr bereits zwei Raclette Essen genossen zu haben. Dazu muss man wissen: Mein Bruder ist seit jeher Käsehasser aus tiefster Seele.

Gab es bei uns zuhause Fondue, hat er den Raum verlassen, weil er den Geruch nicht aushielt. Bei Pizza und Lasagne wurde jeweils eine käsefreie Ecke für ihn mitgebacken. Und wenn unsere Mutter ihre berühmten Wähen machte, griff er nur bei den süssen Varianten zu.

Obschon er vor ein paar Jahren begann, den käseähnlichen Plastikschmelz auf Industriepizzen zu tolerieren, waren wir uns alle einig: Mein Bruder und Käse würden auf Lebzeiten keine Freunde mehr werden.

Und jetzt also gleich Raclette. Quasi die käsigste aller Speisen. Nicht nur, dass er die beiden Abende ohne Nasentrauma und Brechreiz überstanden hat; es hat ihm sogar geschmeckt.

Aber so ist das ja in der Regel, wenn man älter wird. Die Geschmacksnerven öffnen sich plötzlich bisher verschmähten Gouts gegenüber. Man denke nur an Kaffee oder Wein, den Spinat, den man als Kind nicht mochte, oder den Rosenkohl, den man auf einmal heiss und innig liebt.

Ich jedenfalls mag heute fast doppelt so viele Frucht- und Gemüsesorten als noch vor 15 Jahren. Und auch sonst ist mein gastronomischer Geschmack breiter geworden. Mit Trüffeln beispielsweise hätte man mich vor zwei Jahren noch jagen können. Nun bestelle ich im Restaurant praktisch sicher das Gericht, das Trüffel enthält. Es macht mir Freude, Neues zu probieren, Unbekannte Lebensmittel zu verkosten. Als Kind hingegen wollte ich vor allem das essen, was ich kannte.

Lustig aber, dass wir in anderen Lebensbereichen eher selektiver statt offener werden. Bei der Partnerwahl zum Beispiel. Wer von uns würde heute noch mit seiner ersten Liebe zusammenkommen? Für Freundschaften gilt dasselbe. Müssten wir heute nochmals die Schulbank drücken, hätten wir wohl nur halb so viele Freunde wie damals – aber dafür mit diesen mehr Gemeinsamkeiten. Je älter wir werden, desto klarer wissen wir, was wir wollen. Im Zwischenmenschlichen wie auch im Kulinarischen zählt vermehrt die Qualität. Während dies kulinarisch zur Folge hat, dass wir uns an einer immer breiteren Auswahl bedienen, verhält es sich in Sachen Beziehungen umgekehrt. Darum stellt sich die Frage: Sind Nahrungsmittel die besseren Menschen?

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