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Generation L

27.04.2017 55 Reax
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Wenn das Leben leer wäre

Buchautorin Linda Solanki.

Manchmal passiert es, dass man auf dem Rücksitz eines Taxis durch die Medina Marrakeschs geschleudert wird, spätabends auf dem Weg zum Dinner, weil der Gurt zwar vorhanden ist, aber nichts, woran man ihn festmachen kann und man schaut nach draussen auf fremde Gassen und fremde Häuser, Esel, Katzen, Szenen aus dem Leben, einem fremden Leben, getaucht in das Rot der blutenden Sonne, bald in den grauen Schatten der Nacht, und wünscht sich, dass dieses fremde Leben, dass in diesem Moment eben nicht fremd, sondern das eigene ist, zwar nur für eine Sekunde, nur, bis es aus dem Blickfeld huscht, jedenfalls wünscht man sich, dass dieses Leben leer wäre, denn leer bedeutet nichts, also kein Leid, kein Tod, kein Schmerz, keine Freude, klar, aber da leer die Absenz von jeglichen Emotionen oder Gedanken verspricht, heisst leer eben auch, dass Freude jegliche Bedeutung verliert, dass überhaupt alles an Bedeutung verliert, auch das, was gerade ganz weit weg passiert, dass man nicht an Tränen denkt oder eigene vergiesst, und dass man sich um nichts kümmert, kümmern muss, als an die eigene Sicherheit, das eigene Wohlergehen, herrlich, dann den Gurt fest umklammern und ein schnelles Stossgebet gen Boden schicken, dankeschön, gerngeschehen, damit der Fahrer die Angst nicht bemerkt, obwohl, warum eigentlich, er sieht das leidvolle Gesicht ohnehin und die Leere in den Augen oder besser die Sehnsucht danach, hört das Gebrüll, ignoriert das Schluchzen, versteht, denn er kennt das auch und was soll das eigentlich, da sind der Fahrer und ich uns einig, dass man erst liebt, bedingungslos, sofern das überhaupt geht, nur damit einem die Liebe dann weggerissen wird auf brutale, langsame, quälende Art und man sie nie mehr zurückbekommt, obwohl man sie ein Leben lang in sich trägt, denn der Empfänger ist weg und das Taxi ist nun da, vor der Eisentüre des Restaurants, das Gebrüll existierte nur im Kopf, die Tränen fliessen wieder rein, das Lächeln sitzt, der Kloss aber bleibt den ganzen Abend, das ganze Jahr, bis zum nächsten Abschied und bis in die Ewigkeit und ist das nicht überhaupt der Sinn des Lebens, vergessen, lächeln, schöne Restaurants besuchen, Marokko bereisen und einen einzigen, endlosen Satz schreiben, damit es, immerhin etwas, wenigstens ein bisschen, erträglicher wird.

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