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So denken Russen in der Schweiz: «Zu Putin stehen, statt vor den USA knien»

Blickamabend.ch hat mit zehn Russen, die in der Schweiz leben, über die alte Heimat, Schweizer Freunde, Vorurteile und die westliche Berichterstattung über Putin gesprochen.

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Putins Rolle in Syrien, Putins Rolle in der Ukraine, Putins Rolle beim US-Hackerangriff und Putins Beziehung zu Trump - die Berichterstattung der westlichen Medien handelt häufig von Russlands Aussenpolitik und dem Präsidenten Wladimir Putin. In den Schlagzeilen fallen unter anderem Wörter wie «Propaganda» und «Autoritäres Regime». Die SVP-Nationalrätin Yvette Estermann spricht von «Hype gegen Russland» (Blickamabend.ch berichtete).

Doch was sagen die in der Schweiz lebenden Russen zu den westlichen Medien? Wie schätzen sie die Lage in der alten Heimat selbst ein und wie beurteilen Yury, Irina, Olga & Co. die Situation in Syrien? Mit welchen Vorurteilen haben sie zu kämpfen und wo könnte sich ihrer Meinung nach die Schweiz von Russland eine Scheibe abschneiden? Wir haben mit zehn von ihnen darüber gesprochen.

1. Was denkst du, wie wird Russland in den westlichen Medien dargestellt?

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Yury (28), Programmierer: «Russland wird in den europäischen Medien als ein aggressiver, autoritär-totalitärer Staat präsentiert, der eine Gefahr für Europa darstellt. Es findet eine Angst- und Hasspropaganda gegen Russland und das russische Volk statt.»

Irina (36), Bankangestellte: «Nicht immer wird Russland in den europäischen Medien gut präsentiert, aber in den Schweizer Medien eher nüchtern dargestellt als sonst wo in Europa. Mir gefällt, wie die Schweizer Presse und das Fernsehen über Russland berichten.»

Nelli* (47), Vorsitzende des Vereins «Russischer Basel»: «Die westlichen Medien berichten hauptsächlich über die politischen Aspekte Russlands und sehr wenig über das kulturelle und soziale Leben, irgendwelche wissenschaftliche Erfolge usw. Die Medien üben einen informativ-psychylogischen Einfluss auf die Leser aus. Wenn man Russland als Monster zeigen muss, dann zeigen sie das auch. Wenn man Russland unterstützen muss, dann unterstützen sie. Aber in den letzten Jahren ist ‹Russland - der Aggressor› im Trend bei den westlichen Medien.»

Olga (30), Marketing- und Account-Managerin: «Die westlichen Medien projizieren die Vorgänge in Russland auf den Westen und stellen die Frage ‹Wie würde man es hier handhaben?›. Ich denke, das ist falsch. Dass die Medien kritisch sind, finde ich hingegen gut. Schade finde ich, dass nur umstrittene und skandalöse Ereignisse Zugang in die westlichen Medien finden – das verzerrt das Bild von Russland deutlich, da die Menschen so nur eine Seite zu sehen bekommen.»

Maria (35), Brand-Managerin: «Meines Erachtens wird Russlands Situation in der nationalen Presse nicht breit genug beleuchtet. Es könnte daran liegen, dass Russlands Probleme dem westlichen Leser weniger interessant erscheinen, als die Geschehnisse in der Schweiz/Europa. Ein weiterer Grund könnte die Neutralität der Schweiz sein, sowie die Tatsache, dass hier vermutlich viel russisches Geld liegt und keiner den Konflikt möchte. Mich erstaunte dennoch die Reaktion (bzw. das Fehlen dieser) der westlichen Medien auf den Tod von Boris Nemzow. Der Tod eines Politikers dieses Ranges einige Meter vor dem Kreml ist etwas Aussergewöhnliches und von der Dreistigkeit her mit dem Attentat auf Kennedy oder Martin Luther King vergleichbar. Ich habe an diesem Tag und in den nächsten Tagen extra einige Genfer Zeitungen gelesen - im besten Fall wurde der Geschichte wenige Zeilen auf den letzten Seiten gewidmet.»

Boris (26), Student und Redaktor: «Man muss die westlichen Medien unterscheiden können. Es ist sicher ein Bild von den bösen Russen da. Aber, wenn man die Zeitschriften und Online-Beiträge in Deutschland und in der Schweiz vergleicht, dann sind die Deutschen eher kritisch. Was aber verständlich ist, da sie unter starkem Druck der USA stehen. Die Schweizer Medien berichten eher neutral und konstruktiv.»

Oxana* (28), Grafikdesignerin: «Leider kann man in der letzten Zeit in den Schweizer und französischen Medien selten etwas Positives über Russland lesen. Die westlichen Medien versuchen ein Bild von Russland als Aggressor zu erzeugen. Sie streiten Fakten ab, lügen, verheimlichen Dinge entgegen aller Logik. Es herrscht ein Informationskrieg.»

2. Wie unterscheidet sich dieses Image von der Berichterstattung in der Heimat?

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Irina: «In der Heimat wird Russland eher einseitig dargestellt. Die Berichterstattung ist zwar sehr informativ, aber die starke Präsenz unseres Präsidenten im TV oder in der Presse ist enorm gross. So viel Bundesräte sehen wir hier nicht - weder im TV noch in den Zeitungen. Russen wollen Putin sehen und bekommen auch ihren ‹Zaren›».

Egor* (29), Versicherungsangestellter: «Natürlich komplett das Gegenteil, wie in jedem Land, welches eine Grossmacht ist.»

Olga: «Leider gibt es nicht viele linke oder alternative Reporter in Russland. Ich finde es schade, dass alternative Medien ohne ausländische Unterstützung nicht oder kaum existieren können. Die Leute in Russland haben kaum Zugang zu einer zweiten Meinung. Auch für sie ist einseitige Berichterstattung ein Problem.»

Maria: «Es unterscheidet sich schon. Die russischen staatlichen Medien (unabhängige Presse hat es fast keine mehr) sind Propaganda.»

Boris: «In Russland werden vor allem die USA und ihre Politik kritisiert. Gleichzeitig werden die Berichte so geschrieben, dass die Bevölkerung mehr nach aussen schaut. So zu sagen, um die Probleme im Inneren zu verdecken.»

3. Und wie ist dein persönlicher Eindruck davon, wie es in Russland tatsächlich aussieht?

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Maria: «Die Geschehnisse in Russland machen mich traurig und ich mache mir grosse Sorgen um die Zukunft meiner Heimat. Leider sind die Wirtschaft und die Landwirtschaft zurzeit zerstört. Die Korruption hat kritische Massstäbe erreicht. Die Wissenschaft, die Medizin und die Bildung werden nicht weiterentwickelt, die Finanzierung wird gekürzt, während das Budget für die Militärausgaben wächst. Wir führen bei der Zahl der Abtreibungen, Aids-Kranker und häuslicher Gewalt. Es gibt keine Demokratie, keine freien Wahlen, freie Presse und die Menschenrechte werden ständig verletzt. Russland wurde zu einem totalitären Staat.»

Yury: «In Russland wird Ordnung gemacht. In den letzten 15 Jahren wurde der Staatszerfall gestoppt und wichtige wirtschaftliche und demographische Indikatoren wurden stabilisiert. Im Hinblick auf die Aussenpolitik hält sich Russland an die Nato-Aufhaltungs-Politik.»

Boris: «Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Ich denke, unsere Aussenpolitik ist recht stark und unsere Position in der Welt kann und darf man nicht unterschätzen. Was aber die Innenpolitik angeht, dann ist alles nicht so gut. Wir haben sehr viele Probleme mit der Korruption, der Arbeit, der Bildung, der Medizin und anderem.»

Anastasia (25), Studentin: «Meiner Meinung nach ist die Wirtschaft bei uns noch ein bisschen schwach und es gibt sicher Verbesserungspotenzial. Es braucht eine Umstellung im Regierungsapparat sowie die Bekämpfung der Korruption. Jedoch ist unsere Aussenpolitik super.»

Irina: «Langsam geht es bergauf in der Aussenpolitik, aber immer noch wacklig im Landesinneren. Es gibt immer noch sehr viele soziale Probleme. Die Rentner, Ärzte, Lehrer und die Mittelschicht sind im Vergleich zur Schweiz ein sehr schwaches Sozialglied. Russland beschäftigt sich viel zu sehr mit der Aussenpolitik als mit dem eigenen Volk.»

Olga: «Russland ist im Moment sehr geeint, mehr als noch vor 5-7 Jahren. Die Bevölkerung unterstützt mehrheitlich die Führung. Die letzten aussenpolitischen Ereignisse bekommen in den russischen Medien viel Aufmerksamkeit und Eigenlob. Die linke Minderheit wird kaum wahrgenommen.»

Oxana: «Ich unterstütze die Aussenpolitik der russischen Regierung. Ich bin sehr froh, dass in solch schweren Zeiten ein starker Führer an der Spitze des Landes steht. Ein feiner, aber gleichzeitig auch harter Politiker, wie Putin.»

4. Deckt sich das mediale Bild von Russland mit demjenigen deines privaten Schweizer Umfelds?

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Oxana: «Menschen mit gesundem Menschenverstand fallen nicht auf die mediale Gehirnwäsche und die Provokation ein. Sie versuchen, ihre eigene Meinung zu bilden, indem sie sich verschiedene Quellen anschauen. Und meine Freunde verstehen das. Ich gebe ihnen ebenfalls die Information aus unseren Medien weiter und zeige die andere Seite auf.»

Yury: «Ja. Viele meiner Schweizer Bekannten stehen unter dem Einfluss der Propaganda.»

Egor: «Nicht ganz. Ich habe viele Kollegen, die meine Meinung teilen, jedoch auch einige, die komplett eine andere Meinung haben – eine amerikanische Sicht der Sache.»

Irina: «Es ist sehr unterschiedlich. Die gebildeten Menschen machen sich ein breiteres Bild über Russland, sogar eher positiv. Die Schweizer Arbeiterschicht/Mittelschicht interessiert sich sehr wenig oder gar nicht für Russland. Was sie wissen oder hören, ist sehr klischeehaft und eher negativ. Es ist abhängig vom Bildungsniveau und dem Umfeld eines Menschen.»

Anastasia: «Ich habe schon aufgegeben, mit meinen Schweizer Kollegen über Russland zu streiten. Sie sind naiv und glauben leider blind den Medien.»

Olga: «Die Menschen im Westen neigen dazu, den lokalen Medien zu vertrauen und ihre Meinung zu übernehmen. Aber ich werde oft gefragt, was meine Ansicht oder diejenige der Russen zu einem Problem sei. Ich finde das ein sehr gutes Zeichen: Aufgeschlossenheit und Interesse.»

Boris: «Da mein Umfeld hauptsächlich von gut ausgebildeten und international denkenden Menschen besteht, kann ich sagen, dass sie kein schlechtes Bild von Russland haben. Die meisten lesen nicht nur nationale Presse, sondern auch internationale. Und wenn sie was nicht verstehen, dann machen sie keine Vorurteile, sondern probieren, es mit mir und anderen Russen zu besprechen.»

5. Die Schlagzeilen der letzten Jahre drehten sich im Westen häufig um Russlands Aussenpolitik. Schlagwörter: Krimannexion und der Einmarsch in der Ostukraine. Wie siehst du das?

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Anastasia: «‹Krim nasch!› (Die Krim ist unsere) - das kann ich zur Krimannexion sagen. Zur Ostukraine: Dort gibt es offiziell keine russischen Militärtruppen. Die Ukrainer können sagen und machen, was sie wollen. Die Fakten sprechen für sich. Allgemein kann ich sagen, dass es sehr schade ist, dass wir unsere ukrainisch-russischen Beziehungen verloren haben. Viele Ukrainer kommen nach Russland und sind dort glücklich! Weil sie nicht entwurzelt werden und weiterhin ihre Muttersprache Russisch sprechen dürfen, ohne Angst zu haben.»

Olga: «Die Russen sind sehr stolz, dass der Präsident den Anschluss der Krim erreicht hat. Wenn ich über die Nachteile dieser Ereignisse mit Russen diskutiere, scheinen sich die Leute oft nicht dessen bewusst zu sein oder es interessiert sie nicht. Und die Meinungen zum Krieg in der Ukraine sind sehr vielfältig, sie ändern sich auch ständig. Menschen sorgen sich vor allem um die Bevölkerung und sind sehr hasserfüllt gegenüber der ukrainischen Regierung.»

Yury: «Die Krimannexion war notwendig, um das russische Volk vor Repressionen des faschistischen Regimes zu retten. Die Situation in Donbas ist ein ukrainischer Bürgerkrieg, den die ukrainische Regierung angefangen hat, als Antwort auf die Forderung der Menschen, die russische Sprache zu gebrauchen.»

Maria: «Ich unterstütze die Aussenpolitik Russlands der letzten Jahre nicht. Leider kann ich diese Frage nicht näher beantworten, weil ich in Russland dafür im Gefängnis landen könnte.»

Nelly: «Die Krim gehört historisch zu Russland, das ist russisches Territorium. Darüber muss man gar nicht diskutieren. Ausserdem haben 90 Prozent der Krim-Einwohner für die Rückkehr zu Russland gestimmt. Die Ostukraine hat die Wahl getroffen, sich nicht den ukrainischen Nazisten zu ergeben. Sie kämpfen immer noch gegen sie und Kinder müssen sterben. Darüber schreiben die Schweizer Medien aus irgend einem Grund nicht. Und die Anwesenheit von russischen Streitkräften in der Ukraine ist nicht bewiesen.»

Boris: «Naja, das ist eine schwierige Frage. Einerseits sehen die meisten Menschen das nicht als Annexion, sondern eher als eine Rückeroberung der Krim. Die Leute in meinem Umkreis verstehen aber, dass es alles nur politische Spiele sind, die niemandem was Gutes tun. Viele haben Freunde oder Verwandte in der Ukraine.»

Egor: «Die Russen sehen diese Taten als notwendig – die Verstärkung der westlichen Front. Ich bin da absolut mit den Russen einverstanden.»

Oxana: «Das ist eine von Amerika auferlegte Sichtweise. Alle Versuche Russlands, an die internationalen Beobachter zu appellieren waren nutzlos - sie wollten nichts sehen und nichts hören. Für Europa und Amerika ist es es von Vorteil, Russland schwach zu sehen - so wie es in Zeiten von Jelzin der Fall war. All diese blöden Sanktionen schaden doch denen selber. Und die Krimannexion - das ist ein Witz. Nur Menschen, die keine Gesetze kennen, konnten diese Dummheit glauben. 96,77 Prozent der Krimbewohner haben für den Russlandbeitritt gestimmt. So viele Stimmen kann man nicht fälschen. Und daran zweifeln konnten auch nur Menschen, die Russlands Geschichte nicht kennen. Weil die Krim von Anfang an ein Teil von Russland war. Als Chruschtschow sie der Ukraine schenkte, schenkte er sie zusammen mit der russischsprachigen Bevölkerung, welche in der Mehrzahl war. Und nach dem Zerfall der Sowjetunion wollten auch viele wieder zu Russland gehören. Es ist sehr traurig, dass man versucht, unsere brüderlichen Völker gegeneinander aufzubringen.»

6. Aktuell wird auch über Russlands Rolle in Syrien und Putins Unterstützung von Assad gesprochen. Was sagst du dazu?

Freunde fürs Leben? Wladimir Putin und Baschar al-Assad beim Handshake 2006. play
Freunde fürs Leben? Wladimir Putin und Baschar al-Assad beim Handshake 2006. Keystone

Olga: «Niemand will den Krieg, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen wissen, was dort genau los ist. Warum sind unsere Truppen in Syrien und weshalb unterstützen wir Assads Regierung als ein fremdes Land? Darüber wird häufig nicht gesprochen und lässt stattdessen Freiraum für emotionalen Reaktionen.»

Egor: «Ich sehe Assad nicht als einen Aggressor. Für mich hat Europa und alle anderen Staaten nichts in diesen Ländern verloren. Alle ‹Angreifer› sehen einen Zweck, um dort mitzumischen. Denn es geht um den Bau des Gasrohrs, welches Assad nicht unterstützt. Russland will den Bau natürlich auch nicht, da sonst der Gaspreis sinken würde.»

Irina: «Viele meine Schweizer Bekannten und Freunde sehen Putin als die Weltrettung. Sie sagen, dass wir in Europa uns an Putin halten sollen, statt vor den USA zu knien! Ich habe eine grosse Putin Fan-Gemeinschaft und viele sehen die Ereignisse als eine Notwendigkeit und halten sie für richtig. Die USA sind auf einem anderen Kontinent und sollen sich aus diesen Konflikten raushalten und aufhören, die Terroristen in extrem und weniger extrem aufzuteilen.»

Yury: «Assad ist der demokratisch gewählte Präsident Syriens und der legitime Regierungsvertreter. Er hat im Namen Syriens Russland eingeladen, die Terroristen zu bekämpfen. In Syrien kämpfen auch die Vertreter von USA und der Türkei, die den demokratisch gewählten Präsidenten stürzen und eine eigene Puppenregierung aufsetzen wollen. Die humanitäre Hilfe Russlands für die Zivilbevölkerung wird verschwiegen und die Terroristengruppen, die den Menschen die Köpfe abschneiden, werden ‹gemässigte Opposition› genannt.»

Nelly: «In Syrien gibts den Präsidenten Baschar Assad, genau so, wie es in Libyen Gaddafi und in Irak Hussein gab. Plötzlich wurden sie auf Wunsch von USA zu Tyrannen erklärt und ihre Länder bombardiert. Welches Recht nimmt sich der Westen, sich in interne Probleme anderer Länder einzumischen? Ich unterstütze Russlands Politik und Putin für seine militärische Hilfe in Syrien, um den Krieg dort zu beenden.»

Maria: «Ich finde es nicht gut, dass Russland sich militärisch in Syrien beteiligt. Und zwar sowohl von der politischen Seite (Unterstützung der Assad-Diktatur, Gegenwehr der syrischen Opposition und dem Westen) wie auch von der wirtschaftlichen Seite her (für den Krieg in Syrien gehen Unmengen an Geld weg, während es im Landesinneren in allen Bereichen kriselt.»

7. Im Rahmen der Berichterstattung zum US-Wahlkampf konnte man lesen, dass Russlands Geheimdienst sich in die Wahl eingemischt und diese zu Trumps Gunsten beeinflusst haben soll. Denkst du, Putin hat da wirklich eine Rolle gespielt?

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Yury: «Ich denke, das war nur eine Zeitungsente und ist in Wirklichkeit nicht passiert. Unser Geheimdienst ist natürlich toll, aber nicht so.»

Nelly: «Das glaube ich nicht, das ist absurd. Wieso sollte Putin das tun? Er hat genug im eigenen Land zu tun.»

Olga: «Nein, ich denke nicht. Ich glaube Big Data hat dort wirklich eine Rolle gespielt. Putin und Trump können gute Kameraden oder Gleichgesinnte sein, dass heisst aber nicht, dass es eine Verschwörung gab.»

Oxana: «Das ist ein Witz. Eine weitere PR-Masche. Diese wurde sowohl von Clinton wie auch von Trump angewendet. Und das alles, damit die weniger gebildeten Amis von den Problemen im Inneren des Landes abgelenkt werden. Dafür wurde das Bild von ‹bösem Russland› geschaffen. Und wieder zeigt sich, die kennen die Geschichte einfach nicht. Russland hat noch nie einen Krieg angefangen.»

Maria: «Zweifellos hat der russische Geheimdienst versucht, Einfluss auf die Wahlresultate zu nehmen und die Cyberattake war eines der Instrumente. Aber ich denke nicht, dass dieses Einmischen die entscheidende Rolle gespielt hat. Das amerikanische Volk hat Trump selber gewählt.»

8. Was würdest du dir wünschen, in den westlichen Medien über Russland zu lesen?

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Boris: «Ich würde gerne darüber lesen, wie Europa und Russland wieder zusammenkommen. Wir sind einander viel näher, als man denkt. Ich möchte mehr über die Kultur Russlands lesen und nicht nur über die Aussenpolitik.»

Irina: «Etwas, in dem wir im Vergleich zu anderen Berichten positiver dastehen und nicht als der grosse, rote Aggressor präsentiert werden. Ich wünsche mir weniger einseitige westliche Propaganda.»

Anastasia: «Ich würde so gerne etwas Positives über unser Land und das Volk lesen. Denn ein Volk hat nicht nur negative Seiten, sondern auch positive. Mir fallen vor allem die Doppel-Standards auf. Die einen Länder machen etwas und sind dabei die Vorbilder. Andere, wie Russland, werden bei derselben Sache sofort bestraft. Wir sind wirklich immer an allem Schuld.»

Olga: «Für die Menschen wäre es gut, wenn sie mehr über den historischen Weg von Russland wüssten. Viele Ereignisse und Entscheidungen lassen sich besser erklären und verstehen, wenn man unsere Geschichte kennt. Russland ist ein komplexes Land mit einer bewegten Geschichte, Revolution, Krieg, Armut – besonders im Vergleich zur Schweiz zum Beispiel. Russen machen viele Dinge anders. Es wäre sinnvoll, das zu berücksichtigen und in Berichte aufzunehmen.»

Inga* (39), Verkaufsangestellte: «Als aller erstes die Wahrheit. Oder am besten zwei unterschiedliche Sichtweisen auf einer Zeitungsseite. Damit man einen Vergleich hat.»

Maria: «Ich würde gerne objektives Material und News zur Situation in der Medizin und auch über Menschenrechtsverletzungen, über die Situation in den Gefängnissen, über Korruption usw. lesen. Ich denke, für den Schweizer Leser wäre es nützlich zu wissen, was auf der Welt passiert. Und ich würde mir allgemein über mehr News über Russland wünschen.»

Oxana: «Ich würde gerne darüber lesen, wie Russland humanitäre Hilfe in Aleppo leistet, bei der Minenräumung in den Städten hilft, darunter auch Unesco-Objekte. Ich würde auch gerne eine menschliche Beteiligung sehen: Kondolenzworte für Familien der verstorbenen Krankenschwestern und Ärzte, die in humanitärer Mission nach Aleppo kamen.»

9. Was ist deiner Meinung nach das grösste Problem im Inneren des Landes, das gelöst werden soll?

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Nelly: «Ich lebe seit 17 Jahren nicht mehr in Russland, aber wenn ich dort zu Besuch bin, sehe ich, dass sich Russland zum Besseren verändert. Der Lebensstandard und die -Qualität sind gestiegen, die Korruption wird bekämpft. Das einzige, was ich nicht mag, ist die Bürokratie.»

Yury: «Das Fehlen einer Ideologie und eines grossen Ziels, welches das Volk vereinen kann. Die Menschen sind mit Individualismus verdorben und die Oligarchenkreise haben zu viel Macht.»

Maria: «Man muss die Institution der Demokratie wieder beleben, die freie Presse und freie Wahlen zurückbringen. Eine Lustration durchführen, die Korruption verbieten und das Gesetz befolgen. Es ist ein einfaches Rezept und ich bin sicher, dass es irgendwann wirkt. Nicht sofort, weil man die Demokratie dem Menschen, der sie nicht kennt, nicht einfach andrehen kann - dafür braucht es Jahre, aber das Resultat wird es Wert sein.»

Irina: «Es sind soziale Probleme wie die Armut, tiefe Löhne, Wohnsituation, Renten, die medizinische Betreuung und die fehlenden Arbeitsplätze. Die Korruption ist auch noch da, vor allem in den ländlichen Gegenden.»

Boris: «Die Bildung. Seit Jahren zerstören wir das System, das in den Sowjetzeiten aufgebaut wurde. Mit einem dummen Volk kann man alles machen. Aber es ist schade, da nur ein kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen überhaupt den Zugang zu einer Ausbildung hat.»

Oxana: «Das grösste Problem ist, dass unsere Wirtschaft nach wie vor von Öl- und Gasverkauf abhängt. Wir müssen das ganze System umbauen und aufhören, Rohstoff-Anhang von Europa zu sein. Dank den Sanktionen kommt endlich was in die Gänge und die eigene Industrie wird angekurbelt.»

10. Bräuchte die Schweiz deiner Meinung nach auch einen Präsidenten wie Putin?

Wladimir Putin zu Pferd, beim Reiten 2009#Vladimir Putin 2009 play

Oxana: «Wozu? Menschen wie Putin sind Leute, die aus der Krise führen können. Sie sind Reformatoren. Und die Schweizer sind grösstenteils konservativ. Wobei sich natürlich jeder Schweizer darüber freuen würde, den eigenen Führer in den Spitzenpositionen der Weltranglisten zu sehen.»

Irina: «Ich denke nicht. Die Schweiz ist ein korrektes Land und es ist wunderbar, so wie es ist - die Schweizer sind eine Willensnation.»

Olga: «Ich glaube, die Schweiz braucht keine starke und autoritäre Führung, keinen einzelnen charismatischen Mann. Das Land ist mit den vorhanden Institutionen sehr erfolgreich.»

Boris: «Niemals. Das System, welches in der Schweiz besteht, passt perfekt für das Land. Die direkte Demokratie funktioniert hier und man muss sie nicht ändern.»

11. Denkst du, ein Bundesrat aus sieben Mitgliedern, wie wir ihn hier kennen, würde Russland guttun und dort funktionieren?

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Olga: «Russland ist seit Jahrhunderten so aufgebaut: Ein einzelner Mensch hält die Autorität über das ganze Land. Dabei wird er von hohen Beamten und Ministern in der Hauptstadt sowie lokalen Beamten, die im ganzen Land verteilt sind, unterstützt. Daher glaube ich nicht, dass das Land eine Änderung der politischen Struktur braucht. Aber was definitiv helfen könnte, ist die Stärkung von lokaler Macht und des Wissens der Beamten.»

Irina: «Warum nicht?! Russland ist gross und einem Präsidenten könnte es vieles erleichtern. Aber die Russen brauchen einen starken Patriarchen, das war in der Geschichte immer so. Das Vertrauen in viele Personen gleichzeitig wäre nicht da.»

Inga: «Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber in der Ukraine bräuchten sie sowas. Oder einen Putin oder wenigstens einen Lukaschenko.»

Boris: «Niemals. Es ist ein ganz anderes Land, mit ganz anderen Menschen, mit ganz anderer Mentalität. Die Geschichte zeigt, dass unsere Menschen immer einen starken Mann an der Spitze brauchen - einen Anführer der Nation.»

Oxana: «Ich denke nicht. Man muss sich die Geschichte und die Mentalität der Russen anschauen. Während es in Europa die französische Revolution schon gab, herrschte bei uns das Feudalsystem. Wir sind in Sachen des Bewusstseins noch nicht so weit. Wir hoffen nach wie vor, dass ‹der gute und weise Väterchen Zar› all unsere Probleme löst. Unsere Leute sind nicht bereit, die Verantwortung für das eigene Leben auf sich zu nehmen.»

12. Wie wird man deiner Meinung nach als Russe in der Schweiz wahrgenommen?

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Oxana: «Ich weiss nicht, wie es in anderen Kantonen aussieht, aber in der französischen Schweiz ist die Einstellung den Russen gegenüber ganz schlecht. Aber nicht ohne Grund. Wir haben hier eine grosse russische Diaspora. Und die hat sich in den 90ern gebildet. Das heisst, es waren die ‹neuen Russen›, die in die Schweiz kamen. Das kulturelle Niveau dieser Menschen lässt zu wünschen übrig. Sie sind dreist, taktlos und nehmen keine Rücksicht auf die Schweizer Traditionen und die Mentalität. Deswegen fragen mich die Leute heute, ob ich wirklich eine Russin bin.»

Yury: «Es gibt einige Stereotypen - die Prostituierte/Frau, die nur wegen des Geldes heiratet, Oligarchen und Mafiosi. Durch diese Stereotypen wird man wahrgenommen.»

Irina: «Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht - die Schweizer sind sehr tolerant, auch die SVP-Befürworter. Das müssen die Russen dringend von den Schweizern lernen.»

Anastasia: «Wenn man sagt, man sei ein Russe, bekommt als erstes ‹Wodka›, ‹Putin› und ‹Bären› zu hören. Mit der Zeit nervt das.»

Olga: «Mit viel Interesse und Aufmerksamkeit. In der Schweiz über russische Politik zu diskutieren ist für mich interessant. Die Leute glauben an Fakten, geben gute Inputs und sind neugierig. Ich kann auch selber viel Neues lernen und das ist mir wichtig.»

Inga: «Die Stereotypen funktionieren einwandfrei. Wenn du eine Russin bist und keinen Alkohol trinkst, ist es ein Schock.»

Boris: «Da ich akzentfrei rede, denkt niemand, dass ich aus Russland komme. Ich glaube aber, wir werden immer besser wahrgenommen. Erstens, weil immer mehr einfache Leute kommen und nicht nur Reiche (Oligarchen mit Familien). Zweitens, weil die Schweiz mit den Flüchtlingen aus dem nahen Osten konfrontiert ist.»

Egor: «Reich, frech, fett und ungezogen. Die Leute verbinden mit uns ausserdem schöne Frauen, Kaviar und Wodka.»

13. Musstest du schon mal gegen Klischees und Vorurteile ankämpfen?

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Anastasia: «Ja, in der Primarschule, in der Oberstufe und an der Uni. Sie sagen immer, man müsse tolerant sein. Doch bei ihnen selbst merkt man diese Toleranz nicht immer. Sie haben oft was dagegen, wenn man als Kind zusätzlich noch die russische Schule besucht oder zu Hause nur russisch spricht. Da hört die Toleranz auf. Was mich besonders aufregt, sind Menschen, die selbst nie dort waren, aber behaupten, ‹die diktatorische Macht und das Aggressorland› besser als ich, die dort ihre Kindheit verbrachte und jedes Jahr hinfährt, zu kennen.»

Irina: «Die dummen, kleinen Leute leben von Klischees, die intelligenten und belesenen Menschen sind weltoffen und machen sich selber ein Bild. Um mich herum habe ich nur ein solches Umfeld und dafür bin ich sehr dankbar!»

Olga: «Ja, immer wieder. Sowohl in der Schweiz (Die Leute denken, die Russen trinken viel Wodka und alle lieben Putin) als auch in Russland (Die Leute denken, die Schweizer essen viel Käse und Schokolade und dass die Werte und Moral in Europa sinken).»

Oxana: «Natürlich, für die ganze Welt ist die russische Frau eine Blondine mit blauen Augen. Ich habe rote Haare und sehe gar nicht russisch aus. Die Einheimischen sind sehr überrascht, wenn du ihnen erzählst, was es bei ihnen im Lande so Interessantes gibt und was man in der Freizeit besuchen könnte. Sie sind verwundert, wenn sie hören, dass du mehrere Sprachen sprichst, dass du lachst und Witze machst und nicht ständig mit trauriger Miene rumläufst. Ich musste auch einigen Schweizern erzählen, dass es in Russland im Sommer auch +30 sein kann und der Schnee nicht das ganze Jahr lang liegt. Und dass auch nicht alle Russen Wodka trinken und rauchen.»

14. Wo könnte sich die Schweiz von Russland eine Scheibe abschneiden?

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Yury: «Gedankenfreiheit und sich auf traditionelle Werte stützen.»

Irina: «Die Schweiz ist eines der besten Länder Europas, hier wollen die meisten Menschen aus der ganzer Welt leben. Darum ist es gut, so wie es ist. Die Schweiz ist bereits perfekt! Viele können eher von der Schweiz eine Scheibe abschneiden - ein kleines Land, das aber so gut funktioniert.»

Boris: «Ich denke, das einzige, was die Schweiz von uns lernen sollte, ist die Offenheit der Menschen und die Spontanität des Lebens. Sogar die Schweizer Kinder kommen mir als kleine Erwachsene vor. Alles ist geregelt, alles ist geplant.»

Nelly: «Ich würde sagen, Russland könnte sich den Respekt vor dem Gesetz von der Schweiz abschauen.»

Anastasia: «Ich finde, es gibt viele Aspekte im russischen Leben, die positiv sind und von denen die Schweizer noch ein bisschen lernen können. Die Freundschaft zum Beispiel. Ich bin schon lange hier, aber ich konnte noch keine richtige Freundschaft zu Schweizern aufbauen. Bei ihnen wird die Freundschaft einfach anders definiert. Ausserdem feiern wir viel bessere Feste. Die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft werden bei uns auch anders definiert. Das zeigen meine Erfahrungen. Ich vermisse hier unsere Offenheit. Das alles könnten die Schweizer gut gebrauchen.»

Maria: «Wenn es um das politische System geht, dann nirgends. Russland kann von der Schweiz dagegen Demokratie und Offenheit lernen.»

Egor: «Ich würde eher sagen, Russland kann sich in Sachen Ordnung, das Hüten des Gesetzes und Sauberkeit eine Scheibe von der Schweiz abschneiden.»

Oxana: «Die Schweizer sind gute Menschen. Aber mir fehlt die Offenheit und die Herzlichkeit. Ich sehe häufig Heuchelei, fehlende Toleranz, Denunzion und Petzen. Bei uns macht man das nicht. Und ich finde, sie sollten - wie auch andere Europäer - einen Augenmerk auf die Erziehung der jungen Generation werfen. Welche Werte werden ihnen beigebracht? Vor Kurzem habe ich einen Bericht darüber gelesen, dass die Schweiz ein Gesetz einführen will, nach welchem eine junge Mutter Steuervergünstigung bekommt, wenn sie nicht mit dem Kind zu Hause bleibt und es stattdessen zur Tagesmutter oder in die Krippe bringt. Das bedeutet, dass eine fremde Tante dein Kind erziehen wird. Und was bringt sie ihm bei? Wer, ausser der eigenen Mutter kann dem Kind viel Liebe und Aufmerksamkeit schenken? In Russland bleiben die Mütter drei Jahre im Mutterschaftsurlaub! Warum drei? Weil sich bis zu diesem Alter die Persönlichkeit und der Charakter eines Menschen bilden. Und danach wundern sich die Schweizer, dass ihre Kinder keine Autoritätspersonen haben, sich nur am Geld orientieren und für nichts interessieren. Wenn man keine Lust oder keine Möglichkeit hat, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen, passiert eben genau das. Bei uns hat man jetzt Gott sei Dank angefangen, Familienwerte und die Entwicklung der Kinder aktiv zu propagieren.»

Inga: «Die Schweizer sind konservativ und brauchen lange, um sich an neue Dinge zu gewöhnen. Das ist für sie ein Stress. Möglicherweise sollten sie von der Russen diese Flexibilität übernehmen, offener werden und die Ausländer mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Wobei, wieso sollten sie? Sie sind ja bei sich zu Hause.»

 

* Name von der Redaktion abgeändert.

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