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Statt Hahnenwasser trinken wir Import-Mineral: Der Flaschen-Wahnsinn!

ZÜRICH - Wer in den 1970er-Jahren in der Schweiz eine Flasche Mineralwasser auf den Tisch gestellt hat, galt noch als Exot. Seitdem ist der Konsum explodiert. Das hat auch seine Schattenseite.

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Sauberes Leitungswasser, direkt ab dem Hahnen, gehört zu den Vorzügen der Schweiz. Nirgends sonst geniesst das Trinkwasser einen solch exzellenten Ruf wie bei uns. Lecker, sauber, gesund und im Überfluss vorhanden.

Da mag es erstaunen, dass sich immer mehr durstige Mäuler vom guten alten Hahnenburger abwenden. Vor den 1970er-Jahren existierte für Flaschenwasser noch keine grosse Nachfrage, 1998 wurden bereits 680 Millionen Liter konsumiert, und heute sind es 977 Millionen Liter. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum hat sich bei 115 Liter eingependelt.

 

Aber wie kommts, dass in einem Land mit vorzüglichem Leitungswasser der Mineralwassermarkt boomt? Zum einen ist der Trend hin zum Flaschenwasser veränderten Konsumgewohnheiten geschuldet. Zum anderen betreiben Mineralwasserfirmen geschicktes Marketing.

Auf den Flaschen von Mineralwasser locken schneebedeckte Berge, saftige Wiesen und kristallklare Seen. Für die von Mineralwasserherstellern versprochene Wellness-Idylle bezahlen gesundheitsbewusste Konsumenten gerne mehr, glauben Marketing-Experten. Ein Werber, der nicht beim Namen genannt werden will, sagt: «Das Wachstum beim Mineralwasser ist stark getrieben durch die Werbung.» Ausser-Haus-Konsum, gesunder Lifestyle – das sind auch laut Herstellern die wichtigsten Treiber im hart umkämpften Markt. 

Mineralwasser lässt die Kassen klingeln

Zum Vergleich: Ein Liter Mineralwasser kostet zwischen 25 Rappen (M-Budget von Migros) und 6 Franken (Solán de Cabras von Globus), wohingegen das Trinkwasser im Durchschnitt mit 0,2 Rappen zu Buche schlägt. Der Trend hin zu teurem Flaschenwasser lässt die Kassen der Hersteller ordentlich klingeln: 2017 spülte ihnen das Schweizer Geschäft 760 Millionen Franken in die Kasse.

Hahnenwasser ist mir zu langweilig

Na gut. Ich gebe es zu. Bei uns im Haushalt steht Mineralwasser (Herkunft Schweiz!) in PET-Flaschen nicht auf einer schwarzen Liste. Ich bin es, der die Six-Packs regelmässig die Treppen hoch in den zweiten Stock schleppt. Manchmal beobachtet von Nachbarn, die bei meinem Anblick die Augen verdrehen. Schande über mich. Ich bin der Einzige in unserem Haushalt, bei dem es im Glas sprudeln muss. Die anderen trinken das Wasser aus dem Hahn, das mir zu langweilig ist. Ein Aufsprudler kommt nicht in Frage, die Küche verträgt kein weiteres Gerät. Ob die Öko-Bilanz eines solchen Geräts besser ist als die von Wasser in PET-Flaschen, bezweifle ich. Hahnenwasser ist auch nicht gleich Hahnenwasser. In meiner Wohngemeinde bei Winterthur ist das Wasser äusserst kalkhaltig. Anderswo schmeckt es mir besser. Kalk im Wasser ist noch ein Grund, warum ich am Flaschenwasser hänge. Stilles Wasser fülle ich in den Tank meiner Siebträger-Kaffeemaschine. Das spart mir den häufigen Filterwechsel und monatliches Entkalken meiner Maschine mit scharfen Reinigungsmitteln. Flaschenwasser sei Dank. 

 

Tendenz steigend: «Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Mineralwasser aufgrund des steigenden Gesundheitsbewusstseins weiter zunehmen wird», sagt Coop-Sprecherin Alena Kress. Zu den Bestsellern bei Coop gehören die Hausmarke Swiss Alpina, aber auch die Marken Valser und Evian. Vor allem stille Wasser würden vermehrt nachgefragt.

Ähnlich bei der Migros. Sprecherin Martina Bosshard sagt: «Mineralwasser sowohl mit und ohne Kohlensäure sind sehr beliebt, wobei stilles Wasser in den letzten Jahren einen höheren Umsatzzuwachs aufwies.» Auch die deutschen Händler Lidl und Aldi zeigen sich zufrieden mit den Verkaufszahlen. Konkrete Angaben zum Absatz halten die Detailhändler aus Konkurrenzgründen unter Verschluss. 

Dass der Absatz boomt, zeigen die Zahlen der zwei grössten Player auf dem globalen Markt. Die beiden Nahrungsmittel-Multis Nestlé und Danone generieren alleine im Mineralwassermarkt weltweit Umsätze von 8 Milliarden beziehungsweise 5,2 Milliarden Franken. In der Schweiz ist Nestlé unter anderem mit Henniez, Cristalp sowie Vittel, Contrex, Perrier, San Pellegrino und Acqua Panna, Danone mit Volvic, Badoit und mit der von Tennis-Ass Stan Wawrinka beworbenen Marke Evian im Markt präsent.  

Schattenseiten des Wassermanie

Doch der Milliardenmarkt hat seine Schattenseiten. Nestlé kauft weltweit Wasserrechte von staatlichen Wasserbehörden. Das erlaubt dem Unternehmen, Wasser direkt aus dem Grundwasser abzupumpen. Kritiker sprechen von Wassergrabbing.

Flasche leer! Und das ist gut so

Flaschenwasser ist ein Milliardengeschäft, das abgesehen von den Verkäufern fast nur Verlierer kennt. Das Abfüllen des blauen Golds in PET-Flaschen ein ökologisches Desaster. Wie bei allen Plastikarten wird für die Herstellung Erdöl benötigt. Zudem wird der Kunststoff in herkömmlichen PET-Flaschen durch eine grosse Palette an Chemikalien gestreckt. Weichmacher, Antioxidationsmittel, UV-Stabilisatoren oder Hitzestabilisatoren sind nur einige dieser giftigen Chemikalien.

Diesen toxischen Mix, der Tausende Kilometer über den ganz Globus gekarrt und geflogen wird, führen wir uns täglich an den Mund. Und nein, Flaschenwasser ist nicht gesünder als Leitungswasser. Das will uns die Mineralwasser-Industrie weismachen. Ausser einer schick designten Flasche bekommen wir bei den teuren Wässern kaum einen Mehrwert. In einer Welt, in der Ressourcen endlich sind, können wir uns diesen zerstörerischen Luxus schlicht nicht mehr leisten. Die Fakten sind klar: Leitungswasser ist so gesund wie Flaschenware, unschlagbar günstig und umweltschonend obendrein. Alles andere ist Mumpiz.

 

Aktuelles Beispiel ist Vittel: Die rund 5000 Einwohner des französischen Städtchens in den Vogesen sitzen zunehmend auf dem Trockenen. Jährlich sinkt der Grundwasserspiegel um 30 Zentimeter. Das hat keine natürlichen Gründe, sondern ist von Menschenhand gemacht. 

Nestlé füllt täglich mehr als 2 Millionen Flaschen seines Vittel-Mineralwassers ab. Das ist weit mehr Wasser, als die Bürger von Vittel selbst verbrauchen. Schwerwiegende Folge des Gesamtverbrauchs: Der Grundwasserpegel ist dramatisch gesunken, ein Defizit von rund 1 Million Kubikmeter jährlich, wie Untersuchungen belegen.

Das französische Bergbauamt nennt dafür zwei Gründe: Regen sickere hier nur langsam durch die Gesteinsschichten. Und es gebe «eine starke Konzentration von Entnahmen», insbesondere durch Nestlé und eine lokale Grosskäserei.

Nestlé habe seine Entnahme schon etwas begrenzt, sagt Sprecherin Meike Schmidt und betont, dass die Wasserbewirtschaftung in Frankreich sehr stark durch die öffentliche Hand geregelt sei. «Wenn Sie in Frankreich die Genehmigung haben, Mineralwasser zu entnehmen, erfolgt dies unter strengster Einhaltung der geltenden Gesetze», so Schmidt.

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3 Dezi Öl für 1 Liter Mineral

Mineralwasser, abgefüllt in kleinen, praktischen Flaschen, gibt es heute an jeder Strassenecke. Doch die Ökobilanz von Flaschenwasser ist miserabel. Eine Studie, die im Auftrag des Bundesamts für Umwelt und des Vereins des Gas- und Wasserfaches durchgeführt wurde, belegt, dass Mineralwasser die Umwelt bis zu 1000-mal mehr belastet als Hahnenwasser. Denn: Obwohl in der Schweiz über 80 Prozent der PET-Flaschen recycelt werden, landen jährlich immer noch 7900 Tonnen im Abfall. Und: Um Plastikflaschen aus PET herzustellen, ist Erdöl nötig. Rechnet man das Material, die Produktion, den Transport, das Kühlen der Flaschen zusammen, braucht es mehr als drei Deziliter Erdöl, um einen Liter Mineralwasser abzufüllen. Sven Zaugg

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