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Werkstatt in Brig VS blendet alle: «Produkte von Blinden lassen sich besser verkaufen»

BRIG VS - Seit 13 Jahren verkauft die Blindenwerkstatt in Brig VS überteuerte Produkte aus «Blindenhand». BLICK-Recherchen zeigen aber: In der Werkstatt arbeiten keine Blinden. Blind waren vor allem Kanton und Blindenbund.

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Es war ein grosser Erfolg, den die Walliser Regierung 2005 an einer Pressekonferenz verkündete: Man habe es geschafft, mit der Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenwerkstatt (SBSW) ein Unternehmen in Brig VS anzusiedeln, das über ein Dutzend Blinden Arbeitsplätze anbieten kann.

Die würden «hochwertige Produkte» herstellen, die zu einem etwas höheren Preis verkauft werden, weil sie von Blindenhand hergestellt würden – statt «aus automaten- und robotergesteuerten Produktionen», so die Direktion der Wirtschaftsentwicklung damals. «Berufliche Perspektive für Blinde!», titelte der «Walliser Bote».

Vom Blindenbund organisiert

Auf der Website blindenwerkstatt.ch preist sich die SBSW heute als soziales Unternehmen an, das vor allem Bürsten und Besen produziert. Weiter im Angebot: Fussmatten, WC-Bürsten, Bademäntel und Frotteetücher. Aber auch Kerzenständer, Teelichter und Putzutensilien.

Grosser Unterstützer und mit 20 Prozent an der Blindenwerkstatt in Brig beteiligt: der von Bund und Kantonen anerkannte Schweizerische Blindenbund. Die Blindenwerkstatt macht bei jeder Gelegenheit Werbung mit dieser Zusammenarbeit. Das verleiht der Firma viel Glaubwürdigkeit.

Bloss: Sowohl die Walliser Wirtschaftsförderung als auch der Blindenbund lassen sich seit 13 Jahren blenden. Denn die Firma, die dem Deutschen Manfred B.* und zweien seiner Brüder gehört, ist wenig durchschaubar.

Ein Besuch von BLICK vor Ort zeigt: In der Werkstatt arbeiten gar keine Blinden! Nur eine Mitarbeiterin hat eine schwere Sehbehinderung – die restlichen tragen zwar Brillen, kommen aber teilweise sogar mit dem Auto zur Arbeit.

«Wichtig war nur, dass man eine Brille trägt»

Ein ehemaliger Werkstatt-Mitarbeiter, der bei seiner Kündigung eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben musste und darum anonym bleiben will, bestätigt: «In dieser Werkstatt arbeiten keine Blinden – ich selber habe eine leichte Sehschwäche, aber das ist schon alles.»

Bei seiner Anstellung war der Firma die Brille und nicht der Grad der Sehbehinderung wichtig. Trotzdem fertigte er Besen und Bürsten an, die später als «Blindenwertarbeit» für teures Geld verkauft wurden.

Besen und Bürsten sind zudem die einzigen Produkte, die tatsächlich in Brig produziert werden. Frotteetücher, Teelichter und Computer-Reinigungssets, die alle ebenfalls im 18-seitigen Katalog der Blindenwerkstatt zu überteuerten Preisen angeboten werden, importiert die SBSW aus Deutschland und Österreich.

Davon steht im Katalog, den die Firma ihren Kunden schickt, jedoch nichts. Nur auf der Homepage der Blindenwerkstatt wird das nebenbei erwähnt.

Aggressives Telefonmarketing

Ein Callcenter der Firma in St. Gallen verkauft diese Waren mittels aggressiven Telefonmarketings. Im Internet wird in Foren vor der Nummer des Callcenters gewarnt – «man wird am Telefon unter Druck gesetzt, schlechtes Gewissen gemacht – sehr unseriös», schreibt ein User.

Der Geschäftsführer des Callcenters, Andreas K.*, versucht gar, BLICK Frotteetücher aus Walliser Produktion zu verkaufen. «Ja, dort haben wir eine Webmaschine, wo wir das herstellen», behauptet er auf Nachfrage. In Brig steht aber keine Webmaschine, wie die Betriebsleiterin beim Besuch einräumt.

Inhaber Manfred B. ist für Nachfragen nicht zu erreichen. Dafür Michael K.*, Personalverantwortlicher, der von Hürtgenwald (D) aus die angeblich Blinden und Sehbehinderten in Brig betreut.

Ein Etikettenschwindel

Mit den Vorwürfen konfrontiert, räumt er gegenüber BLICK ein, dass auch Menschen ohne schwere Sehbehinderung in Brig Bürsten und Besen herstellen. «Das könnte man vielleicht als Etikettenschwindel bezeichnen – aber auch diese Mitarbeiter sind auf die IV angewiesen, weil sie ein körperliches Gebrechen haben. Sollen wir diesen etwa sagen, dass sie bei uns nicht arbeiten dürfen, nur weil sie noch genügend sehen können?»

Der SBSW geht es vor allem ums Geschäft, das macht K. gleich selber deutlich: «Produkte, die von Blinden gemacht werden, lassen sich besser verkaufen als Produkte von Menschen mit einer anderen Behinderung», sagt er.

Der Blindenbund schweigt

Die importierten Produkte aus dem Katalog würden ebenfalls aus Blindenhand stammen, sagt K. weiter. Produziert würden sie aber von Blinden in Deutschland.

Und was sagt der Schweizerische Blindenbund zu diesem dreisten Etikettenschwindel? Nichts. Die Präsidentin der Regionalgruppe Wallis, Manuela Huemer, verspricht zuerst, Stellung zum Fall zu nehmen. Dann aber taucht sie ab und ist nicht mehr erreichbar.

*Namen der Redaktion bekannt

Macht die Augen auf

Kommentar von Sandro Inguscio, Nachrichtenchef

Wer in der heutigen Welt blind vertraut, wird als Naivling abgestempelt. Nicht ganz unbegründet. Traurig und schade ist es trotzdem. Denn blindes Vertrauen ist ein beruhigendes Gefühl. Und mit genau diesem sollte man die Arbeit von Behinderten unterstützen können.

Blender wie jene von Brig machen das kaputt. Ein Jammer! Es kann doch nicht sein, dass von Kanton bis Blindenbund alle die Augen verschliessen und nicht realisieren, was sie da unterstützen und promoten. Ihr Job ist es, nicht blind zu vertrauen. Ihr Job ist es, die Augen aufzumachen, hinzusehen, zu kontrollieren – damit die Konsumenten nicht im Dunkeln tappen.

Ist das Vertrauen erst einmal weg, leiden am Ende all jene, die seit Jahrzehnten fantastische Arbeit in den geschützten Werkstätten unseres Landes leisten. Allen voran die Menschen, die dort trotz Behinderung einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können. Statt ihnen zu helfen, wie sie angeben, schlagen die Blender von Brig Profit in ihrem Namen.

Rund 10'000 Blinde in der Schweiz

Wie viele Blinde es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt. Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen nimmt an, dass 325'000 Menschen mit einer Sehbehinderung leben. Davon sind aber nur circa 10'000 Menschen komplett blind.

Die anderen haben eine Sehbehinderung. Dabei gibt es in der Schweiz keine klare Definition, was nun eine leichte oder schwere Sehbehinderung ist. Ein Umstand, den die Blindenwerkstatt in Brig VS sich zunutze gemacht hat.

Blinde und Sehbehinderte finden auf dem ersten Arbeitsmarkt nur schwer eine Stelle – selbst wenn sie gut ausgebildet sind.

Früher gab es typische Blindenberufe: Bürstenmacher, Musiklehrer oder Klavierstimmer. In Blindenwerkstätten in der Schweiz wird Blinden und Sehbehinderten vor allem der Beruf des Bürstenmachers angeboten.

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