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Tamy Glauser über ihr Leben in New York: «Cannabis-Dealerin war für mich der beste Job der Welt»

Model Tamy Glauser (33) outet sich als Opfer von häuslicher Gewalt und als ehemalige Drogendealerin. Es ist nicht das einzige Tabu, das die Bernerin bricht.

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Wer ist Tamy Glauser (33), fragte sich die Schweiz, als sie vor rund zwei Jahren mit Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht (29) zusammenkam. In Paris war die Bernerin bereits ein Star, lief für Toplabels wie Louis Vuitton über den Laufsteg und etablierte mit ihrem rasierten Schädel einen neuen Frauentyp. Inzwischen hat sie sich auch in ihrem Heimatland einen Namen gemacht, setzt sich für die Rechte von Homosexuellen ein und gegen Gewalt an Frauen. «Tamy – Das, was ich bin, kannte ich nicht», heisst ihre Biografie, die am 22. Oktober erscheint. Vorher traf BLICK Glauser zum Gespräch im Zürcher Kaufleuten.  

BLICK: TamyGlauserSie wurden von Ihrer New Yorker Ex-Freundin verprügelt. Haben Sie jemals zurückgeschlagen?
Tamy 
Glauser: Es liegt nicht in meiner Natur, jemanden mit Absicht zu verletzen. 

Dass Sie Ihre Ex nach diesem Martyrium in die Schweiz einluden, ist schwierig nachzuvollziehen.
Es war meine Art, mich zu rächen. Ich zeigte ihr meine Welt, zu der sie nicht gehörte. Hier war ich der Chef. Ich wollte, dass die letzte Version, die sie von mir sah, eine starke war. 

Sie sind bei Pflegeeltern aufgewachsen, wurden an der Schule gemobbt, haderten mit Ihrer Homosexualität. In New York schliefen Sie auf einer Parkbank, stahlen Essen. Warum erzählen Sie das im Buch so offen?
Auch wenn es sich um Dinge handelt, von denen du nicht willst, dass die Leute sie über dich wissen: Hätte ich sie für mich behalten, hätte ich nur die Hälfte der Geschichte erzählt. Ich habe das Buch in erster Linie für mich selbst geschrieben. Erst jetzt beginne ich langsam zu realisieren, dass Leute es lesen werden.

In New York haben Sie eine Zeit lang Marihuana an eine reiche Kundschaft verkauft. Wie lief das ab?Ich arbeitete für einen Hauslieferdienst, fuhr mit der U-Bahn herum und besuchte die Kunden zu Hause. Sie offerierten mir meistens ein Bierchen, während ich ihnen die verschiedenen Sorten präsentierte, die ich im Angebot hatte. Ich war die ganze Zeit draussen unterwegs, und die Leute freuten sich immer, wenn sie mich sahen. Damals war das für mich der beste Job der Welt.

Das war vor zwölf Jahren. Sie hielten sich illegal in den USA auf und haben als Dealerin gearbeitet. Hatten Sie keine Angst, erwischt zu werden?
Nein. Vielleicht sollte ich mir manchmal mehr Gedanken über Konsequenzen machen.

Warum zogen Ihre Eltern Sie eigentlich nicht selbst auf?
Dafür gab es viele Gründe. Ich war kein geplantes Kind, meine Eltern waren sehr jung. Also wurden meine Gotte und mein Götti meine Pflegeeltern. Es war die Lösung, die für alle stimmte. 

Auch für Sie?
Natürlich vermisste ich meine Mutter, mit der ich wöchentlich telefonierte. Aber ich wollte auch tapfer sein. Ausserdem liebte ich meine Pflegeeltern über alles. Heute bin ich mit meiner Mama und meinen Papa sehr eng. Sie sind meine Familie.

Ihre Mutter ist eine nigerianische Prinzessin. Sie wuchsen bei Ihren Pflegeeltern in einer vierstöckigen Villa auf, jetteten First Class um die Welt und waren dreimal Schweizer Juniorenmeisterin im Schwimmen. Ihr Leben gäbe auch einen guten Film ab. Wer würde Sie spielen?
Vielleicht der junge Johnny Depp?

Ihr Grossvater war der Historiker und SVP-Nationalrat Walther Hofer. Wie nahe standen Sie sich?
Während des Gymnasiums ging ich nach der Schule oft bei ihm zu Hause vorbei. Wir haben zusammen einen Weisswein getrunken, und er hat mir aus seinem Leben erzählt.

TamyGlauser, lesbisches Model mit afrikanischen Wurzeln in trauter Zweisamkeit mit einem SVPler, der als «Linkenfresser» bekannt war. Nicht gerade die offensichtlichste Paarung?
Er war der Vater meines Vaters und der einzige Blutsverwandte, den ich regelmässig sah – ich bewunderte ihn. Wäre ich damals schon an der Uni gewesen, hätten wir vielleicht diskutiert. So hörte ich einfach nur zu.

Walther Hofer untersuchte den Reichstagsbrand im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und vertrat die These, dass die Nazis ihn selbst angezündethaben. Wie geläufig ist Ihnen dieses Thema? 
Ich habe darüber meine Maturarbeit geschrieben. Ein Thema, das man jetzt auch nicht unbedingt sofort mit einem SVP-Politiker in Verbindung bringt.

Ihr Pflegevater war der Kartonfabrikant Heinz Winzenried. Ihm widmen Sie im Buch viel Platz. Was hat er Ihnen bedeutet?  
Er war der wichtigste Mann in meinem Leben, meine Vaterfigur. Heinz hat mir vorgelebt, was es heisst, grosszügig zu sein. Er schaute immer, dass es allen gut ging. Als die Gemeinde das Hallenbad in Stettlen BE abreissen wollte, in dem ich trainierte, liess er es auf eigene Kosten renovieren. Ich erfuhr erst später davon.

Waren Sie ein verwöhntes Kind?
Das kann man sagen. Ich war enttäuscht, wenn ich das Hotel nicht aussuchen durfte, in dem wir übernachteten. Und weil ich es doof fand, dass meine Pflegeeltern nicht verheiratet waren, taten sie es mir zuliebe. Shame on me!

Als Sie kurz vor der Matur standen, ging Ihr Pflegevater in Konkurs. Drei Jahre später starb er mit 82 Jahren. Sie mussten mit Ihrer Pflegemutter in ein kleines Häuschen ziehen. Wie war das?
Ich war 18 und musste Dinge lernen wie Wäsche waschen und Kartoffeln kochen. Das hatten bisher unsere Bediensteten erledigt. Plötzlich mussten wir aufs Geld schauen. Das war erschütternd für mich, aber auch eine wichtige Erfahrung.

Inwiefern?
Mir wurde klar, dass die Welt kein «happy place» ist, wo immer alle automatisch freundlich zu dir sind. Und ich merkte, wie vergänglich Reichtum sein kann. Deshalb hat Geld eben auch keinen Wert mehr für mich. Es ist Mittel zum Zweck.

Über Geld zu sprechen, ist in der Modelszene tabu – Sie tun es trotzdem. Im Buch rechnen Sie vor, wie aus einer Gage für einen Laufsteg-Auftritt von 2000 Euro nach Abzügen 600 Euro übrig bleiben. Manche Models laufen dreissig Mal pro Fashion Week und verdienen so zweimal pro Jahr in nur einem Monat rund 18'000 Franken. Das ist doch ein guter Lohn!
Nicht, wenn man den körperlichen und psychischen Aufwand kennt. Einen Monat lang 18 Stunden pro Tag in verschiedenen Zeitzonen zu arbeiten, fordert seinen Preis. Ich habe Freunde, die nicht mehr merken, wenn ihnen Haarnadeln unter der Kopfhaut stecken oder denen die Haare nach zig mal Frisieren auszufallen beginnen. Die Kopfhaut wird dann einfach mit Farbe überpinselt, damit es niemand sieht. Es zählt einzig und alleine, dass du für die nächste Show gut aussiehst.

Viele Models kriegen vom Geld, das sie verdienen, offenbar nie etwas zu Gesicht. Warum ist das so?
Jede Newcomerin hat bei der Agentur ein Konto, auf dem sie Schulden ansammelt. Oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Für ein Bett in einem Viererzimmer werden zum Beispiel 100 Euro pro Nacht verrechnet, was niemals dem Preis der Wohnung entspricht. Bevor das erste Geld reinkommt, steht der Kontostand also meistens schon einmal ziemlich im Minus.

Wie kommt man ins Plus?
Indem man grosse Jobs ergattert. Viele Models schaffen das nicht. Ich schätze, dass 95 Prozent nach drei Saisons wieder aufhören. Mit ihnen verdienen die Agenturen aber genauso viel Geld wie mit denen, die den Durchbruch schaffen.

Es scheint oft so, als würde in der Modebranche jeder auf dem herumhacken, der unter ihm steht.
Ich glaube, es kommt darauf an, auf welchem Level sich jemand bewegt: Top, Mittelfeld oder Anfänger. Die Anfänger sind einfach nur megaglücklich, dass sie dabei sind, und die Topplayer können es gelassen nehmen, weil sie ihren Wert kennen. Am anstrengendsten ist das Mittelfeld, wo sich alle beweisen müssen. Dort werden die Ellbogen ausgefahren.

Zu welchem Level zählen Sie sich?
Zum Toplevel natürlich.

Sie waren Türsteherin des coolsten Untergrund-Clubs von Zürich. Seit Sie mit Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht zusammen sind, sieht man Sie eher an Schweizer Promi-Anlässen. Wie wohl fühlen Sie sich in dieser Welt?
Megawohl. An den Partys nach den Modeschauen in Paris wimmelt es von Celebrities. Das ist nichts Neues für mich. 

Ihr Buch zeigt, wie schwierig es für Sie war, zu Ihrer Homosexualität zu stehen, ohne ein Vorbild zu haben. Heute sind «Tamynique» für viele junge Lesben genau das: ein Vorbild. Gleichzeitig bauen Sie Vorurteile ab, indem Sie sich als liebenswertes Paar zeigen. Fühlen Sie sich akzeptiert?
Man begegnet uns mit sehr viel Wohlwollen. Dennoch kommt es vor, dass wir nicht ernst genommen werden.

Wie meinen Sie das?
Wenn lesbische Frauen, die äusserlich nicht dem Klischeebild entsprechen, öffentlich Zuneigung zeigen, können das viele Männer nicht akzeptieren. Manche glauben, dass wir uns küssen, um sie scharf zu machen. Hey, wir sind in einer Beziehung!

Anscheinend ist es für lesbische Frauen schwierig zu gefallen.
Ich lebe zum Glück nicht, um es allen recht zu machen.

Heute Donnerstag im BLICK-Live-Talk, 13 bis 14 Uhr: Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht. Stellen Sie Ihre Fragen auf Blick.ch

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