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Historisches WM-Aus, Bayern-Debakel: Darum kriselt der deutsche Fussball

Deutschlands goldene Generation ist über dem Zenit. Nachfolger sind nicht in Sicht. BLICK analysiert die Gründe.

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Haben Sie, liebe Leser, was mit Uth am Hut? Uth? Sagt Ihnen nix? Geht wohl vielen so. Mark Uth (27) knipst seit dem Sommer für Schalke 04. Theoretisch. Seine niederschmetternde Bilanz: 10 Spiele, null Tore, Bankdrücker. Jetzt hat ihn Jogi Löw für die Spiele gegen Holland und Frankreich aufgeboten. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Uth ist bloss ein Symptom, aber ein bezeichnendes. Verdammt lang her, als die goldene Generation um Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mesut Özil an der WM 2010 die Fussballwelt entzückte, unfassbar leicht, beschwingt, elegant. Sie krönte sich in Rio mit dem Titel und zerlegte unterwegs Brasilien. Ein Triumph für die Ewigkeit.

War einmal. WM-Aus, Bayern-Absturz, der deutsche Fussball kriselt. Die alten Helden sind zwar immer noch zu Heldentaten fähig, lecken aber öfter ihre Wunden. Sie gleichen einer Rentnergang, alt, satt und malad, die in vielen Schlachten mächtig an Tempo eingebüsst hat.

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Die deutsche Nationalmannschaft scheitert in der WM-Gruppenphase 2018 sensationell. AFP

In Russland erreichte sie ihr Verfallsdatum, erstmals scheiterte eine deutsche Elf in der Gruppenphase. Ihr Chef sonnte sich in Selbstzufriedenheit und posierte ultracool in weissen Sneakers am Pier von ­Sotschi.

Auf dem Platz aber herrschte Retro, hip gestylt. Bling-Bling-Ketteli, Sonnenbrille, Smartphone, so präsentierte sich Boateng beim Südkorea-Debakel auf der Tribüne. Trendy und luxuriös neben dem Platz, auf dem Rasen planlos, uninspiriert und zeitlupig wie weiland Ribbecks Rumpel-Kicker, freilich ohne Leidenschaft zur Grätsche.

Taumelt die Nationalelf, taumelt Bayern München – die goldene Generation ist beider Herz. Unter Jupp Heynckes und Pep Guardiola stieg der «Mia san mia»-Klub zur Weltmarke auf, spielte den schönsten Fussball, den Deutschland je gesehen hat. Seit dem Abgang des Spaniers zerfällt das hochgetunte Ensemble im Monatstakt. Tempo, Passpräzision, Positionssicherheit, taktische Flexibilität – schwups und weg. Jetzt sind die Bayern wieder dort, wo sie vor zehn Jahren waren – im Vorraum zu Europas Beletage.

Warum taumeln die Teutonen? Die Gründe sind vielschichtig: Die Deutschen sind hochmütig und arrogant. Sie unterschätzen den Generationenwechsel. Sie überschätzen ihr Talentpotenzial. Ihre Bundesliga droht abgehängt zu werden.

Augenfällig: Alle neigen zur Selbstüberschätzung, Kicker und Bosse, Medien und Fans (sie am wenigsten). Berühmt-berüchtigt der Satz von Franz Beckenbauer nach dem WM-Triumph 1990, Deutschland sei «auf viele Jahre hinaus unschlagbar». Nach dem Confed Cup und der U21-WM 2017 tönte es ähnlich grossspurig. Unerschöpflich sei das Reservoir an Talenten, die Titelverteidigung ziemlich easy, die Zukunft rosig. Arroganz essen Denken auf.

Die Grössten, das sind wir!

Nach der WM-Pleite vermied man personelle Konsequenzen. Fussball-Deutschland glaubte allen Ernstes, ein paar Jogi-Analysen würden die goldene Generation subito revitalisieren. Löw streute sich mächtig «Ich bin schuld»-Asche aufs Haupt, kreiste im Cabriolet und gebar ein Analyse-Mäuschen. Die sonst so bissigen Reporter klatschten denkfaul Beifall. Wird schon wieder. Ein Zwischentief. Die Grössten, das sind wir!

Sie übersehen: Auf eine goldene Generation folgt selten eine weitere. Deutsche Weltklasse kann man an ein paar Fingern abzählen. Toni Kroos zählt dazu, ebenso Manuel Neuer. Potenzial hat vielleicht Timo Werner, ein eiskalter, schneller Knipser, aber technisch limitiert. Und Leroy Sané, von Löw vor der WM in grenzenloser Ignoranz ausgebootet. Zwar ist die deutsche Ausbildung durchaus State of the Art, aber im High-End-Bereich fehlen Ballzauberer und Tempodribbler.

Stattdessen werden sie aus dem Ausland importiert, blutjung, das Prinzip Dortmund. Trotzdem könnte die Bundesliga bald zum Jurassic Park Europas werden. Die Kluft zu La Liga und Premier League wächst. Frankreichs Ligue 1 bedroht Position 4 in der Uefa-Fünfjahreswertung. 1,5 Milliarden Euro gab die Premier League in diesem Sommer für Transfers aus, die Bundesliga 490 Millionen. Geld aber schiesst Tore.

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Die Bundesliga könnte zum Jurassic Park Europas werden. REUTERS

Bundesliga-­Bosse und -Fans reagieren moralinsauer auf den entfesselten Spielermarkt. Mehr Kohle war nie im Fussball, aber Deutschland, Europas wirtschaftliche Vormacht, verweigert sich der Zukunft. Die zeichnet sich in London, Manchester, Barcelona, Madrid oder Paris ab, den Epizentren der Superstars und des Spektakels. Dort sagt niemand entrüstet: «Kein Spieler ist 100 Millionen wert», niemand geisselt das Gebaren der kickenden Diven, und niemand sieht in 400 000 Euro Wochenlohn den Verfall von Anstand und Moral.

Fussball ist eine milliardenschwere Unterhaltungsindustrie, Heldenvergoldung ihr Motor. Das mag Nostalgiker entsetzen, so aber funktioniert Kapitalismus. Der deutsche Fussball hat die Wahl: mitmachen oder den Uth ziehen.

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