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Zerfall unserer Fussball-Nati: Das Protokoll des Schreckens

Der Nati-Zerfall! Wie unsere Nationalmannschaft innerhalb von zwei Monaten zum Tollhaus wurde.

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Man sprach vor der WM von der besten Nati aller Zeiten. Von einer Mannschaft, die an der WM Geschichte schreibt. Von einer Gruppe, die wie Pech und Schwefel zusammenhält. Zwei Monate später ist nichts mehr davon zu spüren. Seit der Doppeladler-Affäre geht ein tiefer Riss durch die Mannschaft. Man tritt in jedes Fettnäpfchen. Was ist passiert? BLICK rapportiert den Zerfall. Und erklärt, wie ein ­Verband ins Chaos stürzt. Die Chronologie des Schreckens.

27. Mai bis 2. Juni: WM-Camp in Lugano

Es beginnt mit Blitz und Donner. Als die Nati sich am 27. Mai zum Zusammenzug in der Villa Sassa trifft, fegt ein Gewitter über den Tessiner Himmel. Und es wird nicht lange dauern, bis es auch ­innerhalb der Nati knallt. Denn innerhalb des Verbands und der Mannschaft rumort es längst.

Zum Beispiel wegen Xherdan Shaqiri und seiner Spielabsage im März. Zu ­jenem Zeitpunkt stehen zwei Testspiele gegen Griechenland und Panama an. Shaqiri steckt mit Stoke im Abstiegskampf und erleidet einen kleinen Muskelfaserriss. Er entscheidet, am Dienstag für die Nati abzusagen – und am Samstag für Stoke zu spielen, weil man sich mitten im ­Abstiegskampf befindet.

Kurzum: Er stellt den ­Existenzkampf mit Stoke über Testspiele mit der Nati. Einige Spieler denken, Shaqiri habe einfach keine Lust gehabt – und Petkovic tut nichts dagegen, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Das sorgt unnötigerweise für böses Blut, obwohl Stoke die Verletzung ­offi­ziell bestätigte.

Es bekräftigt jedenfalls den Eindruck, dass es sich zwischen Petkovic und Shaqiri nicht um eine Liebesbeziehung handelt. Und so gibt es in der Vorbereitung hinter vorgehaltener Hand drei Tuschel-Themen: die Spannungen wegen Shaqiris Fehlen in den Tests. Die Sonder­behandlung von Valon Behrami bezüglich Lara Gut. Und das Auftreten von Granit Xhaka.

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Granit Xhaka muss während eines Nati-Trainings in Lugano verletzt vom Feld getragen werden. Toto Marti

So unbestritten der Arsenal-Spieler auf dem Feld ist, so umstritten ist er daneben. Und es wird sich während des ­Turniers noch verschlimmern. Gegen aussen bleibt aber alles ruhig. Die Probleme der Spieler untereinander stehen noch nicht im Vordergrund. Dass Lara Gut zu jenem Zeitpunkt im Hotel ein und aus geht, wird akzeptiert. Weil viele zu Leader Valon Behrami aufschauen, weil er im Team zur Identifikations- und Führungs­figur geworden ist.

Ein erstes Mal liegen die Nerven am 31. Mai blank. Öffentliches Training. Es regnet wie aus ­Kübeln, und Granit Xhaka verdreht sich das Knie. Er liegt minutenlang am Boden, muss gestützt den Platz verlassen. Der BLICK-Fotograf ­erledigt seinen Job, macht Fotos. Xhaka beschimpft ihn als «Hurensohn», «Missgeburt» und «Schwuchtel». Auch Ricardo ­Rodriguez und Breel Embolo, die ihn vom Feld begleiten, vergreifen sich ähnlich im Ton.

Der Nati-Delegierte Claudio Sulser steht daneben. Reagiert nicht. Auch Tage danach, als Xhaka, Rodriguez und Embolo sich entschuldigt haben, haben weder er noch Trainer Petkovic den Arsenal-Spieler ins Gebet genommen. Die versprochene Aussprache mit dem Fotografen fand bis heute nie statt.

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Nach einer Boots-Fahrt über den Luganer-See wird im Grotto gegessen. Toto Marti

Kurz darauf versucht der Verband, die Journalisten ins Boot zu holen. Man fährt über den Luganersee ins Grotto. Die Aktion ­gelingt nur halbherzig: Die Spieler bleiben für sich. DJ Antoine, der den offiziellen WM-Song zelebrierte, schäkert immer wieder mit ­Xhaka und Co. Stets begleitet von verschiedenen Kameramännern. Motto: Alle in einem Boot. Aber die Spieler werden abgeschirmt.

2./3. Juni: Testspiel gegen Spanien (1:1) in Villarreal

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Die Nati freut sich in Villarreal über das 1:1 gegen Spanien. TOTO MARTI

Am anderen Tag fliegt man früh von Mailand nach Valencia. Testspiel in Villarreal. Das 1:1 bei WM-Mitfavorit Spanien ­rundet den ansprechenden ­Gesamteindruck der ersten ­Vor­bereitungsphase ab. Und alle ­atmen erleichtert auf, da Granit Xhaka nur eine Knieprellung erlitten hat und für die WM bereit ist.

4. bis 8. Juni: Zweiter Teil des WM-Camps in Lugano

Es ist ein schmuckloser Raum in der Villa Sassa, in dem Petkovic verkündet, was alle erwarten. Der Nati-Coach streicht Gregor Kobel, Edimilson und Silvan Widmer aus dem WM-Kader. Es sind Entscheidungen ohne Polemik, personell setzt er auf Kontinuität und Erfahrung.

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Einige Nati-Stars lassen sich vor der WM Tattoos stechen. Hier: Aussenverteidiger Ricardo Rodriguez. Toto Marti

Zu reden gibt nun aber die jederzeit im Hotel präsente Lara Gut. Und die Tattoo-Studio-Besuche der Nati-Stars. Ricardo Rodriguez sticht sich ein Tattoo von seiner Mutter. Behrami eines mit seinen Töchtern, und auch Breel Embolo geht ins Studio. Man staunt, warum Petkovic dies nicht unterbindet und die Spieler so kurz vor der WM gewähren lässt.

Im Hinterkopf hat man den Fall von Guillermo Varela von Frankfurt. Dieser hatte sich an einem Montag vor dem Cupfinal am Samstag tätowieren lassen. Gegen den Rat seines Arztes und seines Trainers. Das Tattoo entzündete sich, Varela wurde suspendiert und mit 70'000 Euro gebüsst.

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Wegen eines Tattoos gebüsst: Guillermo Varela. Imago

 

Die letzten Tage im Tessin beherrschen die Japaner. 150 Journalisten kommen zum Testspiel, das die Nati 2:0 gewinnt. Xhaka spielt wieder, und Shaqiri steht vor einem Wechsel zu Liverpool.

Alles in Minne. Xhaka singt sogar die Nationalhymne und unterstreicht damit, dass er unbedingt Captain dieser Nati werden will.

Nach dem Testspiel am Freitag sammeln die Spieler zwei Tage Kraft, bekommen frei. Die Stimmung: heiter bis wolkig.

11. Juni: Flug Zürich–Samara

Das grosse Abenteuer beginnt. Vladimir Petkovic sitzt in der Businessclass in Reihe 1 vorne rechts im Airbus A321. 23 Nati-Spieler und 24 SFV-Mitarbeiter nehmen auf den Sitzen Platz.

Noch ahnen die Nati-Spieler nicht, wie sehr sie sich über die Einöde Russlands ärgern werden. Togliatti, 720'000 Einwohner, liegt etwa 75 Minuten von Samara weg. 500 Euro beträgt der Durchschnittslohn in der Region. Das Hotel ist idyllisch an der Wolga gelegen. Eine neunstöckige Anlage, Swimmingpool, Sauna und Fitness. Die Russen haben ihre Versprechen eingelöst, alle Anlagen und die Trainingsbedingungen sind top hergerichtet. Das Mediencenter in einer Eishockeyhalle hervorragend gesichert.

Petkovic wird es kein einziges Mal brauchen, um sich zu erklären.

15. bis 17. Juni: 1. Spiel in Rostow am Don: Schweiz – Brasilien (1:1)

Nach ein paar Tagen Vorbereitung geht es zum ersten Spielort nach Südrussland, 1000 Kilometer entfernt. Brasilien wartet, Bundespräsident Alain Berset posiert mit allen, Petkovic tönt: «Mit dem Achtelfinal sind wir nicht zufrieden.»

 

Einige Angehörige sind im Stadion, auch Trainer-Frau Ljiljana (54) und Tochter Lea Petkovic. Auch viele Spielerfrauen sind da. Und – natürlich Lara Gut. Sie alle dürfen nach dem Spiel ins Hotel. Oder wie BLICK-Kolumnist Kubilay Türkyilmaz es ausdrückt: «Sex schadet nie. Im Gegenteil. Er tut gut.»

18. Juni: Rückkehr von Rostow am Don nach Togliatti

Am Tag nach dem Spiel fliegt man zurück ins WM-Camp. Die Serben sticheln. Spieler Luka Milivojevic sagt: «Schweiz-Albaner, irgendwie komisch.» Die Politik mischt sich ein, Aussenminister Ivica Dacic sagt: «Wir wissen nicht, ob wir gegen die Nationalmannschaft der Schweiz, jene von Albanien oder Pristina spielen.»

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Skandalspiel von 2014: Serbiens Stefan Mitrovic reisst eine Drohne mit einer hängenden Flagge von Grossalbanien vom Belgrader Nachthimmel. REUTERS

Die Schweizer Medien versuchen, nicht weiter Öl ins Feuer zu giessen. Im Hinterkopf hat man das Skandalspiel von 2014 in Belgrad, als Serbiens Stefan Mitrovic die an einer Drohne hängende Flagge von Grossalbanien vom Himmel holte. Worauf sich Albaner, unter ihnen Granit Xhakas Bruder Taulant, auf ihn stürzten, um ihm die Flagge zu entreissen. Das Spiel wurde nach diesen Tumulten und einem Platzsturm abgebrochen. Man erwartet ein heisses Spiel und Provokationen gegen Granit Xhaka. Aber die Dimension schätzen alle falsch ein: vor allem Petkovic.

Statt offensiv zu kommunizieren und zu sagen: «Ja, es ist ein spezielles Spiel. Ja, es geht um viel Hass und heisses Blut. Und ja, wir lassen uns nicht provozieren», verstecken sich alle. Ein Präsident, ein Nati-Delegierter, ein Generalsekretär, ein technischer Direktor, ein Medienchef und ein mehrköpfiges Trainerteam unter Petkovic schaffen es nicht, in persönlichen Gesprächen das kommende drohende Unheil abzuwenden.

20. bis 22. Juni: 2. Spiel in Kaliningrad: Schweiz – Serbien (2:1)

Am Tag vor dem Spiel sitzt Vladimir Petkovic an der Pressekonferenz. Weil er muss. Es ist ein offizieller Termin der Fifa. Nur an diesen spricht er. Die Frage, ob es für seine kosovarischen Spieler eine spezielle Partie sei, bügelt er glatt: «Wir haben gegen Brasilien ein gutes Spiel gemacht. Das wollen wir auch gegen Serbien. Wir wollen gewinnen.» Petkovic, als bosnischer Kroate mit Schweizer Pass bestens geeignet für die Einordnung dieser Partie, sensibilisiert nicht. Weder Spieler noch Öffentlichkeit.

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Der Moment der Eskalation: Granit Xhaka schiesst das 1:1 gegen Serbien und jubelt mit dem Doppeladler. Keystone

Im Kessel von Kaliningrad ist die massive Bedeutung des Spiels dann erstmals auch für Schweizer greifbar. Die Schweizer Hymne wird von einem Pfeifkonzert begleitet. Serben-Fans tragen Pullover des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Augenzeugen berichten, dass Fans Xherdan Shaqiri mit der Kopf-ab-Geste provozieren. Es knistert. Und dann, nach dem 1:1 von Xhaka, explodiert es.

Die Schweizer Journalisten auf der Tribüne freuen sich. Bis Xhaka den Doppeladler macht. Alle erkennen die Dimension der Geste relativ schnell und wissen: Jetzt ist die Politik im Fussball angekommen. Es fällt der Satz: «Und in drei Tagen geben sie den Medien die Schuld.» Es wird sich bewahrheiten, gerade nach dem 2:1 von Shaqiri, wo auch noch Captain Lichtsteiner den Doppeladler macht.

In der Mixed Zone, dort, wo Journalisten nach der Partie auf die Spieler treffen, spricht Shaqiri von einer unpolitischen Aktion. Lichtsteiner sagt unter vier Augen, er wolle sich solidarisch zeigen – und fordert es auch von den Journalisten. Xhaka rennt durch die Mixed Zone, flankiert von seinen Bodyguards Rodriguez, Embolo und Akanji. Er wird bis heute nie darüber reden, und jeder weiss: Er würde es sofort wieder tun. Drei Jahre lang sass sein Vater wegen der Serben im Knast.

Man hat Verständnis, weiss aber auch: Mit dieser Ausrichtung hat sich Xhaka eigentlich als Captain dieser Mannschaft verunmöglicht. Vor allem, als er später den Adler-Jubel noch mehrfach auf Instagram stellt. Dass er an Shaqiri dazu schreibt: «We did it, bro!» (Wir habens gemacht, Bruder) führt zu Spekulationen, dass die Aktion geplant war.

Petkovic spielt den Fall herunter. Der Nati-Delegierte Claudio Sulser sagt im Stadion, er habe keine Zeit. Die Taktik ist schon damals klar: Sitzen wir das Ding aus. Wir haben ja gewonnen.

 

23. Juni: Rückkehr von Kaliningrad nach Togliatti

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SFV-Präsident Gilliéron (l.), Generalsekretär Alex Miescher (M.) und Nati-Trainer Vladimir Petkovic in Togliatti. Toto Marti

Die Journalisten sind die ganze Nacht hindurch geflogen, kommen morgens um 10 Uhr im WM-Camp von Togliatti an. Die Stimmung ist nicht nur wegen des Schlafmangels gereizt, sondern auch wegen des Vorgehens des Verbandes. Um 16.30 Uhr ist eine Pressekonferenz angesetzt. Überraschenderweise nicht mit Petkovic, sondern mit Generalsekretär Alex Miescher und dem Nati-Delegierten Claudio Sulser. Sie kommen mit 51 Minuten Verspätung, was sich wie ein roter Faden durch die ganze WM zieht.

Miescher und Sulser spielen alles herunter. «Eine Sperre der FIFA kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen», sagt der Generalsekretär. Dass man 2014 beschlossen hat, dass in der Nati nie mehr so gejubelt wird? Geschwätz von gestern. Man lässt es laufen.

Im Nati-Hotel sitzt eine geteilte Mannschaft. Da sind die einen, welche die Geste überhaupt nicht verstehen können und wollen. Auf dem Feld bewundern sie Xhaka. Wie er die Bälle fordert und das Spiel an sich reisst. Daneben geht sein Auftreten gerade dem einen oder anderen erfahrenen Spieler mächtig auf den Geist.

Weil sie es als unreif empfinden, wenn man sich im Flugzeug die Kissen an den Kopf wirft. Oder dass man sich gegenseitig schlafend filmt und dann auf Instagram präsentiert.

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Im Urlaub mit seiner Frau Leonita wiederholt Granit Xhaka den Doppeladler-Jubel. Instagram

Oder dass man im Seychellen-Urlaub unbedingt nochmals mit seiner Frau den Doppeladler machen und online stellen muss. Weil sie sich nicht vorstellen wollen, dass Xhaka die Nati nach dem Behrami-Rücktritt und dem drohenden Lichtsteiner-Aus als neuer Captain anführen soll.

Es liegt ein Schatten über der Kampagne, auch wenn man am Abend zusammen Steaks und Fisch auf dem Grill brutzelt und dazu Salat isst. Die FIFA leitet ein Verfahren ein, gegen alle drei. Es droht eine Sperre. Der Verband schreibt Stellungnahmen, die Spieler haben frei. Langsam macht sich Lagerkoller breit, weil man merkt, dass es in Togliatti nicht viel zu sehen gibt. Die Mückenplage an der Wolga nimmt abends die Lust, sich draussen aufzuhalten.

Man wolle das wahre Russland sehen, sagte Missionschef Miescher. Eine Ansicht, die Ex-Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld nicht teilen würde. Ein grosser Fehler, sagte er einmal, sei die WM 2010 in Südafrika gewesen. Dort wohnte man abgeschottet eine Stunde von Johannesburg entfernt. Hitzfeld zog die Lehren, in Brasilien wohnte man am Strand. Die Stimmung der Spieler war nie so gut wie damals.

Währenddessen gibt der SFV dem Schweizer Fernsehen zu verstehen, dass man die Berichterstattung als zu kritisch empfindet. Der Überlegungsfehler des Verbands: Er betrachtet das SRF quasi als Haussender, weil die SRG die Rechte erworben hat. Dass SRF auch Journalismus betreibt und die Vorkommnisse kritisch hinterfragen muss, wird grosszügig ausgeblendet. Vorstösse von SFV-Bossen wie Miescher, man möge doch nett berichten, sind mehrfach überliefert. Und trotzdem: Sportlich ist man hervorragend unterwegs. Man kann sich ohne grossen Druck auf Costa Rica vorbereiten. Xhaka und Shaqiri werden von der Fifa mit je 10'000 Franken, Lichtsteiner mit 5000 Franken gebüsst.

26./27. Juni: 3. Spiel in Nischni Nowgorod: Schweiz – Costa Rica (2:2)

Dank einer Sondergenehmigung der Fifa muss die Nati für einmal erst am Tag vor der Partie anreisen, weil der Flug nach Nischni Nowgorod nur eine Stunde dauert. Kaum dort angekommen, sieht man auch schon Lara Gut im Hotel Sheraton NN Kremlin. Sie kommt mit der Frau von Petkovic an und verschwindet bald im Fitnessraum. Sie wird am nächsten Tag für weitere Diskussionen sorgen, als sie ihren Valon Stunden vor dem Spiel im Mannschaftshotel besucht.

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Edelfan: Lara Gut beim Spiel gegen Costa Rica auf der Tribüne. Toto Marti

Am Spieltag! Mitspieler schütteln den Kopf. Vier Stunden vor dem Spiel gegen Costa Rica verlässt der Ski-Star das Nati-Hotel. Professionelle Vorbereitung sieht anders aus.

Den Gesamteindruck der Schweizer Delegation verfestigt sich, als die Fifa den SFV mit einer Busse von 35'000 Franken belegt. Der Weltfussballverband: «Drei Offizielle erzwangen ihren Zugang zum Spielfeld ohne Tragen ihrer Akkreditierung und einer von ihnen beleidigte den FIFA-Sicherheitschef.»

28. Juni: Rückkehr von Nischni Nowgorod nach Togliatti

Das Spiel gegen Schweden ist einige Tage weg. Die Spieler vertreiben sich die Zeit. Früher jasste man, heute spielt man Uno oder Playstation.

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Andere Laufrichtung: Vladimir Petkovic (l.) und Valon Behrami. Toto Marti

Die Spannung scheint nicht hoch zu sein, viele Spieler haben die Nase voll vom monotonen Leben in der russischen Einöde. «Sieben Tage Togliatti sind schlimmer als sieben Jahre in Tibet», sagt RSI-Reporter Nicolo Casolini live in die Kamera.

Die Stimmung im Nati-Camp ist nicht gut, untereinander. Und eine Handvoll Spieler stört «Petkovics sauertöpfische Art», schreibt der «Tages-Anzeiger».

Für etwas Wirbel sorgt der schwedische Journalist Ludvig Holmberg vom «Expressen». Er kritisiert den Schweizerischen Fussballverband auch in seiner Kolumne: «Der Medienchef der Schweiz sagte uns, dass Xhaka wahrscheinlich eine Pressekonferenz halten wird. Aber er wird kein Wort sagen über den Doppeladler. Warum nicht? Für mich ist es Wahnsinn. Wichtige Anliegen unter den Teppich zu kehren, das macht die Probleme nur grösser. Und das alles macht uns natürlich noch zuversichtlicher, dass Schweden die Schweiz schlagen wird.»

1. bis 3. Juli: Achtelfinal in St. Petersburg: Schweiz – Schweden (0:1)

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Niedergeschlagene Nati-Spieler nach dem Achtelfinal-Out gegen Schweden. Keystone

Es ist ein Schock, von Togliatti nach St. Petersburg zu fliegen. Statt 32 sind es 13 Grad im Nordwesten Russlands, der Heimat von Wladimir Putin. Am Tag vor dem Schweden-Spiel stellt sich Xhaka den Medien. Auf den Doppeladler angesprochen, sagt er: «Ich verstehe die Frage nicht.» Pressesprecher Von Ah kommt zu Hilfe, gemeinsam mit dem FIFA-Angestellten lässt man nur Fragen zum Spiel zu.

Der blutleere Auftritt gegen Schweden schockiert dann alle. Ein Spielerberater, durchaus vertraut mit dem einen oder anderen Nati-Star, glaubt, dass der Verband besser Xhaka, Shaqiri und auch Lichtsteiner gegen Costa Rica gesperrt hätte. «Man hätte ein Zeichen gesetzt, dass man die Affäre ernst nimmt. Xhaka und Shaqiri wären wieder richtig heiss gewesen gegen Schweden – und Lichtsteiner nicht gesperrt!» Der Captain sah gegen Costa Rica Gelb – und fehlte schmerzlich im WM-Achtelfinal.

 

4. Juli: Rückkehr von St. Petersburg nach Togliatti

Am Tag nach dem Ausscheiden macht Petkovic wieder das, was er die ganze WM lang macht: Er taucht ab. Er zieht keine WM-Bilanz, er erklärt sich nicht, er arbeitet das bittere Ende nicht auf, er wagt keinen Blick in die Zukunft. Eine Unprofessionalität sondergleichen.

Statt ihm spricht Peter Gilliéron. Der Verbandsboss bezeichnet Petkovic als «sehr kommunikativ. Er hat auch anderes zu tun als Medienarbeit.» Eine Entlassung sei kein Thema, schliesslich habe man gerade den Vertrag verlängert.

5. Juli: Flug in die Schweiz

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Präsident Peter Gilliéron (l.) und Generalsekretär Alex Miescher lasen das verhängnisvolle Interview auf dem Rückflug beide gegen. Toto Marti

Die Nati-Crew fliegt heim. Einen Tag verspätet, weil man nicht wie ursprünglich geplant nachts nach dem Schweden-Spiel von St. Petersburg nach Togliatti flog. Der Grund: Man wollte den Spielern vorher noch eine Nacht mit den Frauen gönnen ...

Im Flieger nach Zürich sitzen Spieler, Funktionäre und Journalisten wieder zusammen. Zwei Reporter, einer vom «Tages-Anzeiger» und einer der «NZZ», gehen mit ihren Laptops in die erste Klasse. Zu Generalsekretär Miescher. Der segnet ihnen die Interviews ab, in denen er laut überlegt, in der Nati keine Doppelbürger mehr zuzulassen. Im Nachgang zur nicht aufgearbeiteten Doppeladler-Affäre im dümmsten Moment. Pikant: Auch Peter Gilliéron liest das Interview im Flieger gegen!

Der nächste Skandal ist perfekt. Xhaka schiesst scharf zurück.

6. August: Der Behrami-Eklat

Vladimir Petkovic taucht wieder auf. Und teilt fünf Nationalspielern über 30 per Telefon mit, dass er in den Nations-League-Spielen im Herbst nicht mit ihnen plane und junge Akteure testen wolle. Valon Behrami, der nach der WM die Fortsetzung der Nati-Karriere kommuniziert hat, fühlt sich in «30 Sekunden» am Telefon abserviert. Ausgerechnet Behrami, sein Ziehsohn. Auch hier: ein total konzeptloses Vorpreschen, das im Chaos endet. Der Scherbenhaufen wird immer grösser!

 

Auch wenn es jeder anders empfindet: Im Prinzip ist es die Einladung, zurückzutreten. Gelson Fernandes tut, Blerim Dzemaili überlegt, Johan Djourou hält sich weiter bereit, Stephan Lichtsteiner äussert sich nicht und konzentriert sich auf den Start mit Arsenal. Es wirkt wie ein Abwarten. Bleibt der Trainer im Amt? Gibt es Änderungen in der Verbandsspitze?

Das Versagen auf vielen Ebenen hat mittlerweile System – und der Rücktritt von Generalsekretär Alex Miescher vom Freitag kann nur der Anfang sein. Der beratungsresistente Petkovic hat keine Basis mehr, um weiter im Amt zu bleiben.

Eines ist mittlerweile jedermann klar: So kann es nicht weitergehen. Die Schlüsselfiguren haben versagt, es braucht einen neuen starken Mann an der Spitze des Schweizer Fussballs.

Einen, wie den ehemaligen FCB-Präsidenten Bernhard Heusler.

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